Ärzte Zeitung, 12.02.2004

"Ständig muß der Mensch gegen das Böse ankämpfen, das in ihm lauert"

200. Todestag Immanuel Kants / Gespräch mit dem Kant-Forscher Reinhard Brandt

Heute jährt sich zum 200. Male der Todestag von Immanuel Kant. Mit seinen drei "Kritiken" gehört der Meisterdenker aus Königsberg zu den bedeutendsten Philosophen des Abendlandes. Daß es daneben jedoch noch einen anderen Kant zu entdecken gilt, zeigt der renommierte Marburger Kant-Forscher Professor Reinhard Brandt im Gespräch mit "Ärzte-Zeitung"- Mitarbeiter Adelbert Reif.

Immanuel Kant, Philosoph aus Königsberg. Seine Anthropologie fand Dichter Goethe "unerquicklich".
Foto: broe

"Ärzte Zeitung": Herr Professor Brandt, Immanuel Kants Anthropologie wurde bereits bei ihrem ersten Erscheinen 1798 "vergrämt und mißlich" aufgenommen. Goethe las die Schrift mit Unbehagen, sie sei "unerquicklich", sehe den Menschen "immer im pathologischen Zustande" und betrachte "das ganze Leben wie eine böse Krankheit". Schiller äußerte sich ähnlich. Wie beurteilen Sie aus heutiger Sicht diese Abwehrhaltung?

Brandt: Viele der von Immanuel Kant aufgestellten Beobachtungen über die menschliche Natur sind uns heute ebenso unangenehm wie Goethe und Schiller zur Zeit der Weimarer Klassik oder später den Romantikern. Kant sah den Menschen immer als ein "krummes Holz" an. Er verfiel nie der Vorstellung, der Mensch sei mit Fähigkeiten ausgestattet, um in ewigem Frieden zu leben. Vielmehr betrachtete er ihn als ein ambivalentes Wesen, das sich einerseits als freiheitsbegabt offenbart und andererseits als miserable Kreatur. Permanent in Konflikt mit sich selbst und anderen, muß der Mensch ständig gegen das Böse ankämpfen, das in ihm lauert.

"Ärzte Zeitung": Würden Sie sagen, daß Kants Anthropologie die Unveränderbarkeit der Natur des Menschen festschreibt?

Brandt: Mit den großen Aufklärern ist Kant darin einig, daß die Natur des Menschen in ihren Grundzügen unveränderbar ist. In unserem Vermögen liegt es jedoch, die gesellschaftlichen Bedingungen, die Erziehung sowie den Stand der Aufklärung zu verbessern. Das heißt, die menschliche Natur in ihrer grundsätzlichen Beschaffenheit ist so, daß sie in einer Situation wie beispielsweise im heutigen Westeuropa, wo niemand vor Hunger auf der Straße stirbt, ihren wölfischen Part nicht offenlegt. Das kann sich aber im Fall einer radikalen Verschärfung der sozialen Lage, eines brisanten ökologischen Notstandes oder gar eines Krieges unvermittelt ändern. Der Wolf lauert immer in uns.

"Ärzte Zeitung": Ist es legitim, Kants Anthropologie den Status eines Vorläufers der später auf breiter Ebene einsetzenden Erforschung der menschlichen Natur bis hin zur Psychoanalyse zuzubilligen?

Brandt: Ja und nein. Die Natur des Menschen wurde schon immer auf vielfache Weise beobachtet und protokolliert. Bereits bei den Vorsokratikern in der Antike finden sich Schriften über die Natur des Menschen; es gibt medizinische Traktate zur Anthropologie und philosophische. Was Kants Anthropologie auszeichnet, das ist die ganzheitliche Sicht auf die menschliche Natur. Kant geht vom Ich aus und endet in der Bestimmung der Menschheit im Ganzen. Diese Vision vom Geschick des Einzelnen zur Geschichte der Menschengattung insgesamt wird in der heutigen Detailforschung nicht mehr glaubhaft erkannt und dargestellt. So finden Bemühungen, den Menschen unter Berücksichtigung der historischen und geografischen Bedingungen als Kosmopoliten in die Gesamtheit des Weltgeschehens einzuordnen, in den einzelnen empirischen Disziplinen kaum noch statt.

"Ärzte Zeitung": Als "literarisches Weltpanorama" haben Sie Kants Anthropologie einmal bezeichnet...

Brandt: Es ist erstaunlich, in welch hohem Maß die Kantischen "Beobachtungen" auf einer unermeßlichen Literaturkenntnis fußen. Die Kultur, selbst die Moral wird durch Literatur vermittelt. Durch Lektüre und Studium wurde Kant zum Weltbürger - ohne die zeitaufwendigen Umwege langer Reisen. Dazu trug natürlich auch die Handelsstadt Königsberg bei mit ihren vielen Völkern, die friedlich in ihr zusammenlebten: Juden, Polen, Balten, Russen, Engländer.

"Ärzte Zeitung": Inwieweit aber kann Kants Anthropologie angesichts der seit dem 18. Jahrhundert gewonnenen neuen Erkenntnisse noch Gültigkeit beanspruchen?

Brandt: Das ist eine schwierige Frage. In Details der Aussagen über die Lebensformen der Einwohner von Sibirien, Indonesien oder Feuerland haben die inzwischen gewonnenen Erkenntnisse natürlich alle Literatur der damaligen Zeit außer Kraft gesetzt. Auch wissen wir durch die Psychologie und Psychoanalyse heute mehr, wenn auch nicht grundsätzlich Anderes, über die menschliche Natur.

Auf der anderen Seite stellt Kant die Einzelkenntnisse vom Menschen in einen kohärenten Gesamtkontext, der sich auf die moralische Bestimmung und Selbstbestimmung des Menschen bezieht - hierin liegt das Zentrum seiner Anthropologie und seiner Philosophie überhaupt. Ein derartiges Zentrum ist in den ständig wachsenden Einzelkenntnissen der Gegenwart schwer erkennbar.

"Ärzte Zeitung": Ein heutiger Kritiker hat die Kantische Anthropologie als einen "anthropologischen Sonderweg" bezeichnet...

Brandt: Das mag vielleicht auf einige Aspekte der Kantischen Anthropologie zutreffen, aber nicht auf das Werk insgesamt. Damit täte man ihm Unrecht. Gibt es denn eine Anthropologie außer oder neben der Kantischen, die den Menschen im Gang der bürgerlichen Gesellschaft treffender charakterisiert?

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