Ärzte Zeitung, 11.03.2004

Karriere im Op in Hosen, Gehrock und mit Fliege

Ausstellung über erfolgreiche Ärztinnen in der National Library of Medicine / Heilkunde aus Frauensicht

von Ronald D. Gerste

Am Anfang des Lebens steht der Name einer Ärztin. Die Anästhesistin Virginia Apgar aus New York stellte 1952 ein Punktesystem vor, das über den Zustand eines Neugeborenen Auskunft gibt, basierend auf Herzfrequenz, Atmung, Muskeltonus, Reflexen und Körperfarbe.

Als Apgar Score ist es heute Standard - je höher "der Apgar", desto glücklicher Eltern und Ärzte. Die National Library of Medicine in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland trägt der Rolle, die Frauen in der amerikanischen Medizin in den letzten 100 Jahren gespielt haben, mit einer Ausstellung Rechnung.

Die Erfolgsgeschichten - vom Scheitern des Traumes, Ärztin zu werden, kündet die Ausstellung nicht - verdecken leicht, daß es noch gar nicht so lange her ist, als Frauen nur gegen größten Widerstand in die Männerwelt der Heilkunde vordringen konnten. Mary Walker hatte als eine der ersten Amerikanerinnen 1855 ihr medizinisches Examen gemacht, doch als der Bürgerkrieg ausbrach, wollte die Armeeführung des Nordens sie allenfalls in der Rolle einer Krankenschwester sehen.

Sie operierte dennoch und erhielt später die höchste zivile Auszeichnung der USA, die Congressional Medal of Honor. Daß sie Männerkleidung trug, war für sie eine Selbstverständlichkeit - für Kollegen wie Patienten indes Anlaß nicht enden wollenden Spottes. Vielleicht nicht ganz ohne Grund: Auf einer alten Daguerrotypie erscheint sie in Hosen, Gehrock und mit Fliege wie eine bartlose Version von Präsident Lincoln.

Herausgestellt werden in der Ausstellung die Leistungen von Ärztinnen auf verschiedenen Gebieten, als eine unverzichtbare Säule des öffentlichen Gesundheitswesens, in der Ausbildung von Studenten wie der Gesundheitsaufklärung der Bevölkerung sowie als Entdecker und Pioniere.

Es ist in dieser Rubrik, wo auch die in Deutschland bekannteren Namen auftauchen wie etwa jene von Irené Ferrer, die an der Entwicklung des Herzkatheters beteiligt war oder Helen Taussig. Die Medizinerin vom Johns Hopkins Medical Center in Baltimore begann ab 1944 zusammen mit dem Chirurgen Alfred Blalock Kinder, die an einer sogenannten Fallotschen Tetralogie litten, mit einem kühnen Eingriff zu operieren. Bei den sogenannten "Blue Babys" führte die schwere angeborene Fehlbildung des Herzens wegen einer permanenten Sauerstoffunterversorgung zu blauen Lippen und einer blauen Hautfärbung.

Mit der Taussig-Blalock-Operation gelang es, eine Verbindung zwischen der Arteria pulmonalis und der Arteria subclavia zu schaffen. Dies ermöglichte schließlich eine zum Leben befähigende O2-Sättigung des Blutes.

Aus aller Welt kamen Kinder nach Baltimore und voller Stolz und Freude zeigte Taussig ihren Studenten ehemals blaue Babys, die postoperativ fast sofort eine gesunde rosige Farbe aufzuweisen begannen. 1965 wurde Taussig die erste Präsidentin der American Heart Association. Sie war bis ins hohe Alter wissenschaftlich aktiv und kam zu Beginn der Sechziger Jahre nach Deutschland, um Kinder mit Contergan-Schädigungen zu untersuchen. Sie starb drei Tage vor ihrem 88. Geburtstag im Mai 1986 durch einen Autounfall.

"Changing the Face of Medicine: Celebrating America’s Women Physicians", National Library of Medicine, geöffnet montags bis freitags 8.30 Uhr bis 17 Uhr, samstags 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr. Gebäude 38, Center Drive, Bethesda. Oder im Internet unter www.nlm.nih.gov/changingthefaceofmedicine/

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