Ärzte Zeitung, 02.03.2004

Kinder am heimischen Computer - auf die Dosierung kommt es an

Pädiater warnen vor Immobilität, Pädagogen loben Einfluß auf die Entwicklung

Am Computer lassen sich sogar Freundschaften pflegen, sagen Experten. Foto: dpa

Der Blick ist hellwach, die Finger bewegen sich blitzschnell. Wenn der sechsjährige Leon am Computer spielt, ist er hochkonzentriert bei der Sache. "Das ist kein bißchen schwer, man muß nur hier reinklicken, da gibt es die Eier, die ich noch bezahlen muß", erklärt der Kölner Erstkläßler das Lernspiel.

In praktisch allen deutschen Haushalten mit Kindern steht inzwischen mindestens ein PC - mit positiven wie negativen Folgen. So mancher Kinderarzt macht sich Sorgen angesichts dicker und kontaktarmer Bewegungsmuffel. Die meisten Pädagogen sehen dagegen ein Plus für die kindliche Entwicklung, solange sich das Klicken im zeitlichen Rahmen hält.

"Der Computer ist Intelligenz fördernd, sogar mit einfachen, harmlosen Spielen", erklärt der Medienpädagoge Professor Henning Günther von der Kölner Universität. "Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, daß Grundschulkinder bei der Raumorientierung profitieren und eine größere Kompetenz bei Zahlen und in der Geometrie haben", ergänzt der Experte. "Sie haben auch Vorteile bei der Feinmotorik und beim schnellen Reagieren." Der PC sei keineswegs ein Medium, das Kinder träge und unbeweglich mache. "Was Kinder lähmt, sind Videos oder Fernsehen, nicht der Computer".

Vor allem bei jüngeren Kindern könne der PC geradezu einen Bewegungsdrang provozieren. "Nach 45 Minuten werden die Kinder so unruhig, daß sie sich zum Beispiel auf ihr Fahrrad schwingen", sagt Günther. Dagegen stellt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) eine zunehmende Unbeweglichkeit der PC-Kids fest. "Nicht von der Hand zu weisen sind wachsende Immobilität und Gewichtszunahme", sagt Sprecherin Gunhild Kilian-Kornell.

Viele Kinder sitzen dauernd am PC und vereinsamen, betont die Kinderärztin. "Diese Kontaktarmut führt auch dazu, daß sie beim Spracherwerb hinterherhinken." Selbst die Mahlzeit im Familienkreis gehe häufig verloren, da das Essen vor dem PC herunter geschlungen werde. Profitieren könnten dagegen aus medizinischer Sicht die Auge-Hand-Koordination, die Geschicklichkeit der Finger und die Konzentration.

Einig sind sich die Experten, daß die "Dosierung" bei der PC- Nutzung stimmen muß. Die meisten halten 45 Minuten bis zu einer Stunde am Tag für das angemessene Maximum bei Grundschulkindern am PC. (dpa)

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