Ärzte Zeitung, 24.03.2004

Engagement der freien Bürger für eine bessere medizinische Versorgung

Vor 225 Jahren wurde das Bürgerhospital eingeweiht. Fotos (4): Ralf Dolberg

225 Jahre Bürgerhospital in Frankfurt am Main / Stiftungsgründer war ein Arzt

Diät, körperliche Bewegung, ein gelegentlicher Aderlaß, viel Wasser trinken - "nicht aber die Apotheker reich machen", darauf setzte Johann Christian Senckenberg (1707 bis 1772). Der Arzt ist der Stifter des 1779 eröffneten Bürgerhospitals in Frankfurt am Main - in diesen Tagen feiert die Klinik ihr 225jähriges Bestehen.

Das Hospital war durch das Engagement der freien Bürgerschaft entstanden. Bis heute sind je vier Ärzte und vier Bürger Mitglieder des Stiftungsrates.

Aus dem "Bürger- und Beisassen-Hospital" wurde in den vergangenen Jahren eine moderne Klinik an der Nibelungenallee.

Zwölf Betten gab es zu Beginn, heute sind es 302. 80 Ärzte und 210 Pflegekräfte kümmern sich um die Patienten. Die Klinik hat sich längst einen Namen gemacht - etwa, wenn es um Schilddrüsenoperationen geht, oder um die Behandlung von Patienten mit Magen-Darm-Erkrankungen und Diabetes. Einzigartig im Rhein-Main-Gebiet ist die angegliederte Klinik für Alkohol- und Medikamentensüchtige.

Mäzen und Mediziner: Johann Christian Senckenberg.

Der Leitsatz Senckenbergs prangt über der Tür zum Administrationszimmer des Bürgerhospitals.

Auch heute noch ist das Bürgerhospital auf Zuschüsse der Dr. Senckenbergischen Stiftung angewiesen. Bei der Feier am vergangenen Wochenende im Römer in Frankfurt am Main wurde das Engagement des Stifters gewürdigt. "Senckenberg hatte ein tragisches Leben und große Visionen", sagte Dr. Kosta Schopow, Vorsitzender des Vereins Bürgerhospital.

Senckenberg war dreimal verheiratet, alle drei Frauen starben, seine Tochter starb an Hirnhautentzündung, der Sohn an Tuberkulose. Der Mediziner stiftete sein gesamtes Vermögen für eine bessere Versorgung der Armen und Kranken, 1763 gründete er die Dr. Senckenbergische Stiftung. Sie bildete nicht nur die Grundlage für die Errichtung des "Bürger- und Beisassen-Hospitals", es gingen auch ein Theatrum anatomicum, ein Chemie-Labor, ein Heilpflanzengarten und eine Sammlung von Naturalien samt Bibliothek daraus hervor - unter anderem der Grundstock für das heutige Senckenbergische Naturmuseum.

Die Einweihung des Hospitals am 21. März 1779 erlebte der Stifter nicht mehr: Er brach sich das Genick, als er sich über die Bauarbeiten informieren wollte und dabei vom Gerüst stürzte. Seine Leiche wurde bei der ersten Leichenschau im Theatrum anatomicum seziert - "dabei hatte er gar keine Sektion gewünscht", so Schopow. Das Hospital ist heute eine Kinik, die für hohe medizinische Professionalität steht. In den vergangenen Jahren wurde ständig in neue Techniken investiert. "Immer wieder stand das Haus vor finanziellen Problemen", so Schopow.

Der Wettbewerb zwischen den Kliniken sei schärfer geworden. Doch das Bürgerhospital hat Profil. "225 Jahre - das bedeutet nicht alt und verstaubt, sondern mit der Zeit zu gehen", lobte etwa die hessische Staatsministerin Silke Lautenschläger in ihrem Festvortrag das Traditionshaus. "Über 2000 Geburten im Jahr sind ein deutliches Zeichen, daß die Klinik von den Bürgern angenommen wird."

Um sich zu positionieren, sei es wichtig, Qualität auf hohem Niveau beizubehalten. "Tradition heißt, sich dem Wandel zu stellen und nach vorne zu schauen." Die Grundlage des Erfolgs benannte Schopow abschließend in seinem Vortrag: "Ohne das Engagement der Mitarbeiter ist die Vision Senckenbergs heute nicht mehr aufrechtzuerhalten." (Sabine Schiner)

Der erste Patient blieb gleich neun Monate auf der Station

Der erste Patient im neu eröffneten Bürgerhospital in Frankfurt am Main war der ehemalige Gastwirt Johann Matthäus Auerhammer. Er kam am 19. Februar 1779 mit einem schmerzhaften Druckgefühl in der Brust und Kurzatmigkeit in das Hospital. "Er litt vermutlich an Angina pectoris", so der Historiker Thomas Bauer auf der Festveranstaltung zum 225jährigen Jubiläum des Bürgerhospitals.

Bauer hatte im Archiv der Senckenberg-Stiftung alte Chroniken durchgeblättert und dabei den Aufnahmeschein des 74jährigen Mannes gefunden.

"Wie damals üblich wurde Auerhammer nach Ungeziefer abgesucht und mit frischer Wäsche eingekleidet", erzählte Bauer. Laut Hausordnung wurde im Hospital auf einen gepflegten Umgang geachtet: Gesang, Trunkenheit und Tabakrauchen waren den Patienten verboten. Sie sollten sich still, ruhig und friedfertig betragen.

Von den Krankenwärtern wurde erwartet, sich mitleidig, geduldig, freundlich und unverdrossen zu zeigen: Fluchen, ärgerliche Reden und Zank sollten möglichst vermieden werden. Rekonvaleszenten mußten die Morgentoilette unter freiem Himmel am Brunnen im Hof des Hospitals machen. Wenn sie sich fit genug fühlten, wurden sie bei Bedarf dem Küchen- oder Putzdienst zugeteilt.

Ärzte hatten die Aufgabe, "der Patienten Gesundheit wiederherzustellen", so Bauer. Bei den damals eher bescheidenen Möglichkeiten der Medizin, klappte das nicht immer: Neun Monate nach seiner Einlieferung verließ Auermann die Klinik - laut Krankenakte, "nur gebessert, nicht wirklich geheilt." (ine)

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