Ärzte Zeitung, 05.04.2004

Geschichten aus der Kindheit eines virtuellen Studienobjekts

Neu im Kino: Der Dokumentarfilm "Blue End" von Kasper Kasics / Filmische Spurensuche nach dem Menschen im Human Visible Project

NEU-ISENBURG (ine). Joseph Paul Jernigan wurde 1993 wegen Mordes mit 39 Jahren im Gefängnis von Huntsville, Texas, hingerichtet. Seit 1994 ist sein Körper volldigitalisiert im Internet zu sehen: Studienobjekt für Mediziner auf der ganzen Welt. Die Geschichte des Mannes wird jetzt in "Blue End" erzählt. Der Dokumentarfilm läuft derzeit in den deutschen Kinos.

Vermessen und gerastert: Joseph Paul Jernigan ist der "Visible Man" ...
... seit November 1994 ist sein Körper im Internet zu sehen. Fotos (2): b.film

Der Schweizer Regisseur Kaspar Kasics beschäftigt sich schon länger mit dem Schicksal Jernigans und seiner digitalen Auferstehung. Vor vier Jahren war die Dokumentation "Die Karriere einer Leiche" im Fernsehen zu sehen. In "Blue End" geht Kasics ebenfalls auf Spurensuche nach dem Menschen Jernigan. Es kommen Wissenschaftler zu Wort, Vertreter der Justiz und Angehörige.

Jernigan war 1981 zum Tod verurteilt worden. Auch eine Anfrage von amnesty international konnte ihn nicht retten. Alle Berufungsverfahren wurden abgewiesen. Per Testament hinterließ er seinen Körper der Wissenschaft. Nach dem Tod mit der Giftspritze wird Jernigan in Gelatine gegossen, mit kobaltblauer Lebensmittelfarbe versetzt und bei minus 70 Grad eingefroren. Wissenschaftler schneiden seinen Körper in dünne Scheiben, um ihn integral zu vermessen.

Heute ist sein Körper für das Human Visible Project im Internet jedem zugänglich (www.npac.syr.edu). Seine Daten werden an über 850 Universitäten weltweit genutzt. Für die Forscher des "Center for Human Simulation" der Colorado Universität ist Jernigan ein Studienobjekt aus 15 Gigabytes für Anatomiestudenten und Ärzte.

Diesen kühlen Statements setzt Kasics die Aussagen von Menschen entgegen, die Jernigan zu Lebzeiten gekannt haben. Bruder Bobby erzählt beispielsweise Geschichten aus der gemeinsamen Kindheit und er erinnert sich, wie Joseph in der Todeszelle starb. Wie bei einem Puzzle läßt der Filmemacher so nach und nach den Menschen wiederauferstehen, der hinter dem virtuellen Anatomieatlas steht.

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