Ärzte Zeitung, 28.04.2004

Kulturgeschichte der Medizin, wie durch ein Kaleidoskop gesehen

"Geschröpft und zur Ader gelassen": Das neue Buch des englischen Medizinhistorikers Roy Porter ist von profunder Sachkenntnis und kurzweilig

Von Wolfgang U. Eckart

Roy Porter lebt! So könnte man fast meinen, denn gerade ein gutes Jahr nach seinem zu frühen Tod erfreut er uns wiederum mit einer Medizingeschichte aus seiner Feder, die in ihrer Knappheit brillant formuliert, kurzweilig und gerade darum überaus lesenswert daherkommt. "Geschröpft und zur Ader gelassen" gewährt in lebendig-bunter Bilderfolge einen Blick auf die spannende "Kulturgeschichte der Medizin" wie durch ein Kaleidoskop.

Porter erkundet in seinem knapp 230 Seiten langen Büchlein die vielfältige, oftmals seltsame und manchmal schauerliche Art und Weise, in der Menschen durch die Jahrhunderte versucht haben, Krankheiten zu bekämpfen: von Ayurveda zu Antibiotika, vom Aderlaß zum Röntgenbild, von blitzschnellen Amputationen und barbarischen Blutstillungen mit dem glühenden Brenneisen bis hin zu hochkomplizierten Organtransplantationen.

Die Akteure, die Porter hierzu bemüht hat, grüßen aus der Vergangenheit: arrogant gelehrte und unendlich praxisferne Universitätsmediziner, verschlagen-tüchtige Barbiere und Handwerkschirurgen, schlitzohrige Quacksalber, emsige Pillendreher, robuste Feldschere, denen keine Verwundung und keine Todesart unbekannt war.

Mit profunder Sachkenntnis und einem gelegentlich verschmitzten, immer aber tiefgründigen Humor begleitet der Verfasser die Leser in das Kabinett einer Medizingeschichte auf ihren verschlungenen Wegen zu Vorbeugung, Linderung und Heilung und gelegentlich auch zur Unsterblichkeit. Kein Ziel wurde, ja könnte je wirklich ganz erreicht werden; aber auch in der Geschichte der Medizin ist eben der gute Weg bisweilen das eigentliche Ziel.

Wie kaum ein anderer hat der englische Medizinhistoriker Roy Porter (1946 bis 2002) die Medizingeschichte in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht nur bereichert sondern auch geprägt.

Dabei wollte Porter niemals Medizingeschichte von oben, die der großen Entdeckungen und Persönlichkeiten, schreiben, sondern Medizingeschichte von unten, aus der unmittelbaren Erfahrungswelt der Betroffenen, aus ihrem spezifischen sozialen Kontext und ihren unterschiedlichen Blickwinkeln, eben "Medical History from Below". Moderne, sozialhistorisch ausgerichtete Arzt- und Patientengeschichte oder die Geschichte des Körpererlebens wären ohne Porters Pionierarbeiten auf diesem Gebiet heute kaum denkbar.

In dieser Tradition steht auch "Geschröpft und zur Ader gelassen", elegant aus dem Englischen übersetzt von Christian Detoux und liebevoll in schwarzweiß mit Holzschnitten, Kupfer- und Stahlstichen der behandelten Epochen illustriert. Gegliedert ist das Bändchen so unkonventionell wie sein unkonventionell kultur- und sozialhistorischer Ansatz: nicht chronologisch, sondern sachbezogen, auf die Krankheit, die Ärzte, die Körper der Patienten und was an Umgebung, Methodik und Technik dieses Dreierverhältnis beeinflußt.

Damit wiederum ist Porter ganz traditionell hippokratisch, einer Aussage des alten Meisters aus seinem Epidemienbuch folgend: "In der Heilkunst wirken drei Kräfte zusammen, die Krankheit und der Kranke und der Arzt. Der Arzt sei der Handlanger der Kunst; der Kranke muß sich der Krankheit widersetzen unter dem Beistand des Arztes." Wen wundert’s, daß das lesenswerte Bändchen gerade unter diesem Motto steht?

Roy Porter: "Geschröpft und zur Ader gelassen. Kulturgeschichte der Medizin". Dörlemann Verlag, Zürich. 17.80 Euro. ISBN 3-908777-05-4.

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