Ärzte Zeitung, 07.05.2004

In deutschen Kliniken arbeiteten Zehntausende Zwangsarbeiter

Medizinhistoriker berichtet über das Ausmaß der Zwangsarbeit im NS-Gesundheitswesen / Forschungsprojekt zu den Kliniken in Göttingen

Von Ingeborg Bördlein

Ein ehemaliger Zwangsarbeiter demonstriert in Berlin für eine angemessene Entschädigung. Foto: dpa

Erst durch Forschungen der letzten Jahre ist offenkundig geworden, welches Ausmaß die Zwangsarbeit im Gesundheitssystem des Nationalsozialismus hatte. Über den Stand der Forschung hat der Medizinhistoriker Professor Andreas Frewer aus Hannover bei einem Vortrag am Institut für Geschichte der Medizin in Heidelberg referiert.

Wahrscheinlich über zehn Millionen Zwangsarbeiter dürften von 1939 bis 1945 rekrutiert worden sein, allein Zehntausende auch für die Krankenhäuser. Der Forscher zeigte die Gesamtsituation und Einzelschicksale von Fremdarbeitern insbesondere am Beispiel eines mehrjährigen Forschungsprojektes zu den Kliniken in Göttingen.

Zwangsarbeiterinnen waren als "Hausmädchen" angestellt

So waren dort nachweislich mindestens 125 Zwangsarbeiter aus zwölf Ländern, vorwiegend aus Rußland und Polen, später auch aus Frankreich und den Niederlanden, fest angestellt. Aus alten Lohnkarten und Briefwechseln des damaligen Kurators der Uni ist zu entnehmen, daß die Klinik zum Beispiel "15 Ostarbeiterinnen" für verschiedene Tätigkeiten an der Chirurgischen, der Frauen- und Ohrenklinik angefordert hat. Gebraucht wurden sie als "Schälfrauen" oder "Hausmädchen".

Die zwangsdeportierten Männer und Frauen waren vornehmlich in der Küche und der Wäscherei, als Heizer oder auch für Hilfsdienste im Labor, in der Anatomie, Pathologie oder im Pflegedienst eingesetzt worden. Sie wurden durch Aufnäher etwa mit der Aufschrift "Ost" gekennzeichnet und waren damit "Menschen zweiter Klasse". Dies machten auch Bezeichnungen wie "die Russin Nr. 8" deutlich, wie sie in den Quellen gefunden wurden.

Die Menschen wurden in Baracken auf dem Klinikgelände untergebracht, außerdem gab es ein separates Lager für Fleckfieber- und Tbc-Kranke. Die Hygiene der Unterkünfte war schlecht. Aus dem Schriftverkehr der Universitätsbürokratie haben die Forscher etwa entnommen, daß 20 Russinnen im Waschhaus oder neun Personen in der Pförtnerloge der Augenklinik untergebracht waren.

Diese Unterbringung wurde als "Notlösung" bezeichnet und eingeräumt, daß der vorgeschriebene Luftraum pro Person nicht eingehalten werden könne. Für ihre Unterkünfte und das Essen hatten die Zwangsarbeiter noch Geld abzuführen, wie aus den Lohnkarten hervorging.

Krankenakten und Aussagen noch Lebender bezeugen, daß Zwangsarbeiter in deutschen Kliniken auch als Patienten waren. Im Göttinger Uniklinikum wurden bisher mehr als 600 Personen identifiziert, davon allein über 300 in der Chirurgie. Vorrangig waren sie in der Industrie und Landwirtschaft eingesetzt worden.

Hauptdiagnosen waren Frakturen, Prellungen oder Wundinfektionen, darunter war ein hoher Anteil an Arbeitsunfällen. Daß die offiziell vermerkte Diagnose nicht immer mit der Realität übereinstimmte, zeigte Frewer anhand eines Beispiels: Einem Fremdarbeiter war laut Akte eine Metallplatte auf die Schulter gefallen. Die genaue Anamnese hatte jedoch ergeben, daß er damals mit dem Gewehrkolben geschlagen worden war.

Die behandelnden Ärzte hatten nach Anweisung der Univerwaltung strikt darauf zu achten, Fremdarbeiter nicht mit deutschen Parteigenossen auf normalen Stationen zu behandeln, sondern in Baracken von Lagerärzten. Sie wurden auf diese Weise bewußt schlechter versorgt.

Mit der euphemistischen Bezeichnung "Hausschwangere" wurden jene Frauen bezeichnet, die mittellos waren und etwa in der Frauenklinik Hilfsdienste zu verrichten hatten. Zu ihnen zählten auch Zwangsarbeiterinnen. Außerdem dienten sie als Gegenleistung für "freie Kost und Logis" als Untersuchungsobjekte für den Studentenunterricht.

Auf Wunsch sei ihnen die Abtreibung "freigestellt" worden, so die offizielle Lesart, doch könne man von Zwangsabtreibungen ausgehen, um "fremdvölkische Kinder" zu verhindern, so Frewer. Dies sei an vielen deutschen Universitätskliniken so gehandhabt worden.

Wurden die Kinder ausgetragen und geboren, so nahm man sie häufig den Müttern weg und brachte sie in "Kindersammelstätten". Viele seien dort an gezielter Mangelernährung frühzeitig gestorben, als Todesursache wurde oft "Dystrophie" angegeben. Durch die Krankenakten, den Schriftverkehr der Univerwaltung und Zeitzeugenberichte habe man ein differenziertes Bild erhalten, wie sich die Universitätsmedizin 1939 bis 1945 auch in diesem Bereich habe instrumentieren lassen oder aktiv am NS-System beteiligte, resümierte Frewer.

Zwangsarbeiter wurden auch als Versuchsobjekte mißbraucht

Das Verhalten der Ärzte sei nicht immer einheitlich gewesen: Man habe Zeugnis von einzelnen engagierten Ärzten, die sich für diese Patienten einsetzten, aber auch von rigiden NS-Bürokraten, die menschenverachtende Vorschriften akribisch umsetzten. Überdies gibt es Belege dafür, daß Zwangsarbeiter als Versuchsobjekte mißbraucht worden seien.

Den noch lebenden Zwangsarbeitern - man schätzt ihre Zahl auf 12 bis 15 Prozent - sollte zumindest eine finanzielle Entschädigung zukommen, verlangte Frewer und verwies darauf, daß dies auch der Deutsche Ärztetag 2001 und die Bundesärztekammer im Zuge der Einrichtung des Stiftungsfonds für Zwangsarbeiter im NS-Deutschland gefordert hatten. Die Bundesregierung will die Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter bis Ende 2006 abschließen, wie vorgestern bekannt wurde.

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