Ärzte Zeitung, 07.06.2004

Analyse mittelalterlicher Rezepte kann vergessene Indikationen aufdecken

Fünf Jahre Forschergruppe Klostermedizin / Datenbank alter Pflanzenmonographien

Eibisch: Auszüge aus Blättern und Wurzeln helfen gegen trockenen Reizhusten. Fotos (7): ug

Goldmelisse: Sie wird als Aromatikum und als Stomachikum verwendet. Mariendistel: Die leberschützenden Eigenschaften der Früchte sind gut untersucht.

Zur Zeit Karls des Großen kursierte ein Rezept gegen ein "fressendes Geschwür": Das Pulver der Herbstzeitlose wurde in die Geschwüre gestreut.

"Seitens der modernen Medizin zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat man sich lange darüber lustig gemacht, was denn dieses Pulver bewirken sollte - bis man herausgefunden hat, daß es Colchicin und damit ein Zellgift enthält", erzählt der Medizinhistoriker Professor Gundolf Keil als Beispiel dafür, daß mittelalterliche Heilrezepte nicht unbedingt weithergeholt sein müssen.

Dieses alte Wissen zu erforschen und eventuell auch für moderne Therapien zu nutzen, ist Aufgabe der Forschergruppe Klostermedizin an der Universität Würzburg, die Keil leitet. Vor fünf Jahren ist die Forschergruppe als gemeinsames Projekt des Würzburger Instituts für Geschichte der Medizin und des Arzneimittel-Herstellers Abtei, der zum GlaxoSmithKline-Konzern gehört, gegründet worden.

Ringelblume: Auszüge aus den Blüten wirken entzündungshemmend und fördern die Wundheilung.

Wolliger Fingerhut: Die Drogen aus seinen Blättern steigern die Kontraktionskraft des Herzens.

Kamille hilft bei Magen-Darm-Erkrankungen, Entzündungen der Mundschleimhaut und Erkältungen.

"Als 1999 die Gründung der Forschergruppe Klostermedizin bekannt gegeben wurde, waren die Reaktionen geteilt", heißt es auf der Website der Klostermedizin. Vor allem bei Fachleuten sei das Projekt auf zurückhaltende Skepsis gestoßen.

"Die Forschergruppe konnte aber in den vergangenen Jahren zeigen, daß unter dem Stichwort Klostermedizin interessante und wissenschaftlich seriöse Arbeit geleistet werden kann, die auch in Bezug zu aktuellen Entwicklungen auf dem Phytopharmaka-Markt steht", wird Bilanz gezogen.

Klostermedizin ist eine medizinhistorische Epoche, keine Therapierichtung, betonen die Forscher. Diese Epoche war der Trichter, durch den das antike Wissen über Heilpflanzen transferiert wurde, und die Grundlage der großen Kräuterbücher der Neuzeit. Die Forscher analysieren also vor allem Rezepte aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit. Die Bedeutung einer Heilpflanze wird im Kontext der jeweiligen Zeit untersucht.

Diese Ergebnisse werden miteinander und mit modernem Wissen über die Pflanzen verglichen. Solche Studien könnten kulturell bedingte Veränderungen hinsichtlich des therapeutischen Einsatzes einer Pflanze aufdecken, an vergessene Indikationen erinnern - und damit der phytotherapeutischen Grundlagenforschung neue Impulse geben.

Historische Pflanzenmonographien werden in einer Datenbank gespeichert. Sie umfaßt alle Pflanzen, die in alten Kräuterbüchern genannt sind. Außerdem sind Pflanzenporträts erstellt worden, etwa von Baldrian, Hopfen und Johanniskraut.

Die moderne Phytotherapie hat bereits von den Untersuchungen profitiert: So hat die Forschergruppe Klostermedizin die Entwicklung des ersten apothekenexklusiven Produkts von Abtei, Alluna®, begleitet. (ug)

Infos über die Forschergruppe Klostermedizin: www.klostermedizin.de

Lavendel - eine Entdeckung der Klostermedizin

Pflanzenporträt / Mittelalterliche Ärzte beschrieben eine trocknende Wirkung

Dem Lavendel ist eines der Pflanzenporträts der Forschergruppe Klostermedizin gewidmet. Der Echte Lavendel (Lavandula angustifolia) scheine eine Entdeckung der Klostermedizin zu sein, heißt es da. Hildegard von Bingen etwa habe von einer innerlichen Einnahme des Lavendels abgeraten, aber sein starkes Aroma gerühmt und ihn gegen Läuse empfohlen.

Lavendel, damals wie heute gegen Oberbauchbeschwerden wie Blähungen eingesetzt.

In der Klosterheilkunde wurden die Wirkungsqualitäten des Lavendels als wärmend und trocknend beschrieben. Das erkläre die Verwendung bei Schmerzen und Blähungen sowie gegen übermäßige Monatsblutung.

Hauptkomponenten der Lavendelblüten sind ätherisches Öl mit Linalylacetat und Linalool, milde Lamiaceen-Gerbstoffe, Cumarine und Flavonoide, hat moderne Forschung ergeben.

Heute wird Lavendel innerlich angewandt bei Unruhezuständen und Oberbauchbeschwerden wie Blähungen. Äußerlich angewandt, fördert das Öl den Kreislauf und die Durchblutung der Haut. (ug)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich, Medikamente abzusetzen - obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden. mehr »

Geht's auch etwas modischer in der Klinik?

Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler hat Verständnis für die Klinik-Kleidungsvorschriften. Doch mit ein klein wenig Fantasie könnte man auch den unvermeidlichen Kasack hübscher gestalten, meint sie. mehr »

Sport im Alter schützt vielleicht vor Demenz

Dass Sport nicht Mord bedeutet, wissen Forscher schon lange. Jetzt haben Alters- und Sportwissenschaftler messen können, wie Sport das Gehirn im Alter verändert. Dient Fitness als Demenzprävention? mehr »