Ärzte Zeitung, 25.08.2004

Etwa 800 000 Vietnamesen brauchen Prothesen oder Orthesen

Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit unterstützt die Ausbildung von Orthopädietechnikern in Vietnam

Von Nora Luttmer

In Vietnam ist der Bedarf an Orthopädietechnikern groß. Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) hilft deshalb bei der Ausbildung von Fachkräften. Doch noch werden nur wenige Studenten zugelassen, denn der Arbeitsmarkt ist für sie trotz allem eng.

Cao Huy Tin zeichnet, radiert, zeichnet weiter. Vor ihm liegt die Skizze einer Oberschenkel-Prothese. Eigentlich arbeitet der 39jährige als Physiotherapeut in einem Krankenhaus der mittelvietnamesischen Stadt Hue. "Aber dort fehlen Fachkräfte, die Orthesen und Prothesen bauen können", sagt er. Deshalb lernt Tin nun am orthopädischen Trainingszentrum Vietcot in Hanoi zusätzlich dieses Handwerk.

Seit 1997 bildet Vietcot Orthopädietechniker aus. Der Standard der Schule erfüllt die Anforderungen der "International Society for Prosthetics and Orthotics" und der Weltgesundheitsorganisation (WHO). In ganz Asien erreichen nur noch drei weitere Ausbildungsstätten dieses hohe Niveau.

Seit der Planungsphase im Jahr 1992 wird Vietcot von der deutschen GTZ unterstützt. "Die GTZ hat unter anderem die Einrichtung finanziert sowie Lehrer ausgebildet", sagt Wilfried Raab von der GTZ, der das Projekt von Anfang an vor Ort begleitet hat. Ziel ist es, langfristig die Ausbildung vietnamesischer Fachkräfte zu sichern.

Der Bedarf an qualifizierten Orthopädietechnikern ist groß. In Entwicklungsländern benötigen nach Schätzungen der WHO durchschnittlich etwa 0,5 Prozent der Bevölkerung technische Hilfsmittel wie Prothesen und Orthesen. In Vietnam sind es mehr, das Gesundheitsministerium in Hanoi spricht von etwa einem Prozent der Bevölkerung, das sind 800 000 Menschen. Allein 200 000 Vietnamesen wurden Gliedmaßen amputiert.

Ursachen sind nicht nur Kugeln, Granatsplitter, Bomben und Minen. Die Folgen des Kriegs sind längst in den Hintergrund getreten. Ursache vieler körperlicher Behinderungen sind Unfälle und Krankheiten. In kaum einem Land gibt es mehr Verkehrsunfälle als in Vietnam, und auch bei Unfällen am Arbeitsplatz führt das Land die Statistiken mit an.

Die medizinische Versorgung ist unzureichend. Gegen Krankheiten wie Diabetes und Durchblutungsstörungen wird kaum vorgebeugt. Bei Geburten, besonders auf dem Land, sind nur selten Ärzte anwesend. Bei Komplikationen tragen Kinder schnell Schäden davon, dazu gehören häufig Zerebralparesen oder Verformungen der Glieder. Viele der Körperbehinderten in Vietnam sind nicht mit technischen Hilfsmitteln versorgt, Maßnahmen zur Rehabilitation gibt es kaum.

Vor kurzem hat Vietcot einen neuen dreijährigen Lehrgang zum Orthopädietechniker gestartet. Er findet nur alle zwei Jahre mit maximal 15 Studenten statt. Zwar ist der Bedarf an Spezialisten im Land weitaus größer, aber mehr Absolventen würden dennoch keine Arbeit finden: "Kaum jemand hat das Geld, die Hilfsmittel zu kaufen", sagt Dang Xuan Khang, einer von vier orthopädischen Fachlehrern an der Schule. "Sehen sie zum Beispiel diesen Jungen", sagt er und zeigt auf einen Sechzehnjährigen, der vor ihm steht. Er leidet an Skoliose, sein Körper ist vollkommen schief. "Jetzt zahlt eine Schweizer Hilfsorganisation das Korsett, aber es ist schon fast zu spät", sagt Khang. "Seine Eltern sind Bauern und hatten nie das Geld."

Zwar ist grundsätzlich die Gesundheitsversorgung in Vietnam kostenfrei - doch in der Praxis bekommen die Kranken dafür meist keine ausreichende Hilfe. Kriegsinvaliden, die auf der nordvietnamesischen Seite gekämpft haben, erhalten vom Ministerium für Arbeit, Invaliden und Soziales Geld für technische Hilfsmittel. Alle anderen Körperbehinderten müssen die Orthesen und Prothesen selbst finanzieren.

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