Ärzte Zeitung, 28.07.2004

Zehn Millionen Soldaten starben im ersten Maschinenkrieg

Ein Krieg der Gelehrten / 8986 Ärzte gehörten dem deutschen Oberkommando an

Ein Grabenkrieg: Auf beiden Seiten waren die Soldaten eingegraben in Matsch und Schlamm. Hier klettern französische Soldaten während der Schlacht um Verdun 1916 aus dem Schützengraben. Fotos (2): dpa

Vor 90 Jahren begann der Erste Weltkrieg: Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich Serbien den Krieg, nachdem am 28. Juni der österreichische Thronfolger in Sarajevo von einem serbischen Nationalisten erschossen worden war. Am ersten August erklärte das Deutsche Reich zunächst Rußland, dann zwei Tage später Frankreich den Krieg. Am vierten August marschierten deutsche Truppen in das neutrale Belgien ein, daraufhin erklärte Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg.

Eine alte Frau bricht im Kriegsjahr 1916 zusammen - eine Folge der Hungersnot in Deutschland.

Daraus entwickelte sich der erste Maschinenkrieg der Weltgeschichte, der erste große Graben- und Stellungskrieg, der erste chemische Krieg mit Kampfgas und Kontaktgiften, der erste Luftkrieg mit Zeppelinen, Ballonen und Kampffliegern. Über 70 Millionen Soldaten waren mobilisiert worden.

Etwa zehn Millionen fielen oder starben, mehr als 21 Millionen wurden verwundet, darunter über vier Millionen deutsche Soldaten, fast acht Millionen gerieten in Kriegsgefangenschaft. Das Leiden der Zivilbevölkerung mit Flucht und Hunger war schrecklich.

Ärzte gehörten "zu den akademischen Trägergruppen der Kriegspropaganda, der ideologischen Kriegsmetaphorik, zu denen, die an die wissenschaftlichen Früchte des Krieges glaubten", so der Professor Wolfgang U. Eckart, Medizinhistoriker aus Heidelberg, in der "Ärzte Zeitung". Der Erste Weltkrieg sei von der ersten Stunde an ein "Krieg der Geister, ein Kampf der Gelehrten" gewesen.

Zu diesen Gelehrten zählten bedeutende Vertreter der deutschen Medizin. So hatten etwa Paul Ehrlich, der Nobelpreisträger Emil von Behring und andere Wissenschaftler die "Erklärung deutscher Universitätslehrer" von 1914 mitunterzeichnet. In ihr wurde der Verzicht auf alle englischen akademischen Auszeichnungen damit begründet, daß das "bluts- und stammverwandte England seit Jahren die Völker gegen uns aufgewiegelt" habe.

Viele Ärzte zogen begeistert in den Krieg. Insgesamt 8986 Ärzte gehörten zwischen 1914 und 1918 dem deutschen Oberkommando an, 1724 fielen oder starben an Krankheiten. Zusätzlich arbeiteten viele Mediziner als Zivilärzte in den Lazaretten.

Und die ärztliche Kriegsbegeisterung ging noch weiter: Viele Ärzte verstanden den Krieg als einen "großen Lehrmeister" in medizinischen Fragen, als ein großartiges "Laboratorium". Tatsächlich waren auch bald ärztliche Erfolge zu verzeichnen, etwa auf dem Gebiet der Impfprophylaxe von Infektionen.

Doch Einstellung und Haltung vieler, auch bedeutender deutscher Ärzte vor und während des Ersten Weltkriegs gehörten, so Eckart, "ins geistige Vorfeld der NS-Diktatur". (ug)

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