Ärzte Zeitung, 29.07.2004

Ein in Deutschland lebender Arzt hat in Afghanistan Schule für Mädchen aufgebaut

Dr. Anwar Nabiyar fährt jedes Jahr zweimal in seine vom Krieg zerstörte Heimat

Blick auf die mit deutscher Hilfe errichtete Schule in Estalef, 50 Kilometer von der afghanischen Hauptstadt Kabul entfernt. Fotos: privat

Zerstörte Häuser, wohin das Auge blickt. 23 Jahre Krieg haben Land und Leute gezeichnet: In der afghanischen Stadt Estalef, 50 Kilometer nördlich von Kabul, steht kaum ein Stein auf dem anderen. Wie überall in Afghanistan sind in Estalef während der Kriegsjahre das Schul- und das Gesundheitssystem komplett zusammengebrochen.

Dr. Anwar Nabiyar (Mitte), Urologe aus Lüdenscheid, bei einem Besuch der von ihm initiierten Mädchenschule.

"Man kann die medizinische Versorgung hier überhaupt nicht mit der in Deutschland vergleichen", sagt Dr. Anwar Nabiyar, ein Lüdenscheider Arzt, der aus Estalef stammt. Seit 1971 lebt der niedergelassene Urologe in Deutschland. Aber immer wieder zieht es ihn zurück in die alte Heimat: Zweimal im Jahr reist er in das von Kriegswirren zerrüttete Land. "Ich bin auch vor Ort gewesen, um medizinische Hilfe zu leisten, als die Taliban an der Macht waren", berichtet Nabiyar.

Als er vor zwei Jahren in Estalef war, fiel ihm eine Gruppe Schülerinnen unter einem Baum auf: "Der Unterricht fand im Freien statt. Ein Schulgebäude für die Mädchen gab es nicht." So kam ihm die Idee, eine Mädchenschule in der kleinen Stadt zu bauen. Unter den Taliban war es Mädchen nicht erlaubt, eine Schule zu besuchen, und viele können weder lesen noch schreiben.

Mit Hilfe von Spenden und der Patenschaft eines Lüdenscheider Gymnasiums gelang es, eine Schule für 140 Mädchen zu bauen, die im März 2003 fertiggestellt wurde. Auch die Ausstattung mit Schuluniformen, Schreibmaterial und Büchern wurde durch Spenden finanziert.

Eine der schwierigsten Aufgaben war die Suche nach geeigneten Lehrerinnen. "Es ist sehr schwer, außerhalb Kabuls Lehrerinnen zu finden. Und in Estalef gibt es kaum unzerstörte Häuser, wo die Lehrerinnen wohnen können", erzählt Nabiyar. Deshalb pendeln sie jeden Tag mit einem Taxi von Kabul nach Estalef, eine Autofahrt über schlechte Straßen, die mehrere Stunden dauert.

"Der Schulbetrieb läuft sehr gut", meint Nabiyar. So gut, daß inzwischen fast doppelt so viele Mädchen wie vorgesehen die Schule besuchen. "Nun planen wir einen Anbau. Auch ein Brunnen fehlt noch, denn der nächste ist weit entfernt."

Schon Ende der 90er Jahre gründete Nabiyar den Verein Eschan, dessen Mitglieder fast alle in Estalef geboren sind und direkten Kontakt zu den Verantwortlichen vor Ort haben. Anfangs standen Überlebenshilfe und medizinische Versorgung der Bevölkerung im Mittelpunkt des Vereines, dann der Wiederaufbau des Ortes.

"Ich bin hier als Arzt gefragt und gefordert", sagt Nabiyar. Und so ist der Urologe nicht nur Vorsitzender von Eschan, sondern auch Mitglied in dem Verein Solidarfonds Afghanistan, einem Ärzteverein. Die Mediziner reisen regelmäßig in das Land, um die Menschen dort zu behandeln und mit Medikamenten zu versorgen.

Nathalie Klüver

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