Ärzte Zeitung, 07.10.2004

ZUR PERSON

Der Nestor der Psychosomatik ist gestorben

Von Ursula Gräfen

"Wir haben eine Medizin für Organe, Gewebe und Zellen, aber keine für kranke Menschen und für die individuellen Wirklichkeiten, in denen sie leben." Eine "Medizin der menschlichen Beziehungen", eine Humane Psycho-Somatische Medizin war das Lebensziel von Thure von Uexküll. Trotz aller anfänglichen Widerstände hat der Internist die Grundlagen des psychosomatischen Denkens und Handelns begründet und verbreitet. Am vergangenen Donnerstag ist der Nestor der Psychosomatik im Alter von 96 Jahren in Freiburg gestorben.

Von Uexküll wurde am 15. März 1908 in Heidelberg geboren als Sohn des berühmten Biologen Jakob von Uexküll, der in den 20er Jahren das erste Institut für Umweltwissenschaften gründete. Er begann das Medizinstudium in Hamburg, habilitierte sich 1948 in München. 1952 wurde er dort außerordentlicher Professor. Nach einer Professur für Innere Medizin in Gießen arbeitete er schließlich von 1967 bis zu seiner Emeritierung als Internist an der Universität Ulm. 1979 veröffentlichte er das Lehrbuch "Psychosomatische Medizin", inzwischen ein Standardwerk und nur "Der Uexküll" genannt. Im letzten Jahr ist das Buch in der sechsten Auflage erschienen.

"Fragt man Thure von Uexküll, was eine psychosomatische Krankheit sei, so ist eine Überraschung gewiß", der Psychosomatiker Professor Michael Wirsching in einer Laudatio zu von Uexkülls 85. Geburtstag in der "Ärzte Zeitung". Und Wirsching zitiert seinen Lehrer: "Der Begriff sei schon falsch gewählt, auf gefährliche Weise mißverständlich - es gebe keine psychosomatischen Krankheiten, so wie es keine rein körperlichen Leiden gebe. Nein - bei jedem menschlichen Leiden, vom Schnupfen bis zum Krebs, griffen Körperliches, Seelisches und Soziales auf unlösbare, oft auch unschaubare Weise ineinander. Wer solche Ausweitung des Begriffs als Privattheorie eines älteren Herrn abtun will, hat sich getäuscht. Auf präzise und profunde Weise entzündet von Uexküll ein Feuerwerk an Beispielen, vor dem sich eine spezialisierte und reduzierte Körpermedizin ebenso blaß ausnimmt wie die ausschließliche, esoterische Psychomedizin oder wie die blanke, den einzelnen, auch körperlichen Menschen verachtende Gesellschaftsmedizin."

Streitbar, witzig und zäh sei von Uexküll gewesen, beschreibt Wirsching, ein "Erneuerer der Medizin". Im Alter wurde er nicht etwa ruhiger. Mit 85 gründete in Freiburg eine "Akademie für Integrierte Medizin", bis kurz vor seinem Tod lud er regelmäßig Ärzte zu sich ein, um mit ihnen über die Entwicklungen in der Medizin zu diskutieren. Er war neugierig bis zuletzt. Auf die Frage, was er nach dem Tod erwarte, antwortete von Uexküll vor kurzem in einem Interview: "Da bin ich mal neugierig."

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