Ärzte Zeitung, 14.10.2004

"Von ganzem Herzen" - Ausstellung rund um das Organ, das die Menschen bewegt

Schloß Neuhardenberg bei Berlin erzählt die Kulturgeschichte des Herzen

Von Angela Mißlbeck

Nicht nur Kardiologen und Herzchirurgen bekommen sehr oft Herzen zu Gesicht. Wenn auch meist in anderer Form, so ist doch kein Organ in der Öffentlichkeit so allgegenwärtig wie das Herz. Deshalb hat die Stiftung Schloß Neuhardenberg dem Lebensmuskel und seiner Kulturgeschichte eine Ausstellung gewidmet.

Ein Halbrund begrüßt den Besucher der Ausstellung "Von ganzem Herzen". In Augenhöhe sind rundum "Herzleuchten" verschiedener Farben angeordnet, eine Installation der zeitgenössischen Berliner Künstlerin Jona Markgraf. Das Besondere: Sie hat dem Muskel seine anatomische Form wiedergegeben, statt die stilisierte Variante zu verwenden, die unter medizinischen Laien geläufig ist. Laut Ausstellungskatalog sind ihre Kunstwerke anhand konkreter Beobachtungen in Operationssälen entstanden.

Im Zentrum des halbrunden Eingangsraumes liegt unter einer Glas-pyramide unscheinbar grau das Berliner Kunstherz von 1986, umgeben von vielen Fotos: Drei davon zeigen Professor Christiaan Barnard, der am 3. Dezember 1967 in Kapstadt die erste Herztransplantation vorgenommen hat.

Auf der anderen Seite des Kunstherzes zieht ein Titelbild der Zeitschrift "Bunte" die Blicke auf sich. Es stellt "Diana - die Königin der Herzen" dar, daneben ein Bild des ihr gewidmeten Herz-Altars in Paris. Über all dem schwebt in der Mitte der Glaspyramide das "Herz mit Gefäßen" aus der anatomischen Sammlung der Uni Halle-Wittenberg, datiert auf das 18./19. Jahrhundert.

Mit dem Herz aus medizinischer Sicht wird der Besucher in den weiteren Ausstellungsräumen nicht wieder konfrontiert. Stattdessen ist viel zu erfahren über religiöse und weltliche Riten und Kulte rund um das Organ - vom Herz-Jesu-Kult, über den Skarabäus als Herz-Ersatz bei den alten Ägyptern bis zu Herzopfern der Azteken. Das Herz in seiner anatomischen Form ist nur außerhalb der Ausstellung, in der benachbarten Schinkel-Kirche von Neuhardenberg, noch einmal zu sehen.

Dort liegt ein Trockenpräparat des Herzens von Karl-August Fürst von Hardenberg. Der preußische Fürst war nicht der einzige, der es vorzog, daß sein Herz getrennt vom Körper bestattet wurde. Herzbestattungen hatten vor allem in Frankreich seit dem Mittelalter Tradition. Oft wurde das Organ in goldene Reliquiare gekapselt. Von der Herz-Urne Louis XVII., ein Kristallgefäß in dem das Trockenpräparat schwebt, ist in der Ausstellung leider nur eine Fotografie zu sehen.

Vor allem anhand von Reproduktionen wird auch die Bedeutung des Herzens als wichtigstes Symbol der mittelalterlichen Minnelyrik anschaulich. In dieser frühen weltlichen Tradition war das Herz bereits gleichbedeutend mit Liebe und Gefühl. Als Sitz der Seele und des Gefühls soll Hildegard von Bingen das Herz in ihrer Schrift "Causae et Curae" eingeführt haben. Seitdem ist ihm diese Bedeutung fest zugewachsen.

Ein rosa Sofa in Herzform lädt im hinteren Teil der Ausstellung zum Ausruhen ein. Drumherum gruppieren sich herzförmige Dosen, Lebkuchenherzen. Poesiealbumbilder. Ein Textband der Kuratorin Marie-Louise von Plessen erläutert, was mit dem Herz geschah: "Geradezu beliebig findet es in Druckgrafik, als Steckvorlage für Tattoos, als Floristendekoration und Freundschaftsgruß vor allem zum Valentinstag am 14. Februar Verwendung. So wird der Muskel, der den Lebenssaft durch den Körper pumpt, zum kompatiblen Gefühl, das die Massen erreicht und die Menschen vereint."

Die Ausstellung "Von ganzem Herzen" läuft noch bis 7. November im Schloß Neuhardenberg, etwa 70 Kilometer östlich von Berlin. Weitere Infos im Internet unter www.schlossneuhardenberg.de

Topics
Schlagworte
Panorama (30367)
Krankheiten
Transplantation (2148)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Antibiotika gegen Rückenschmerzen

Verursachen Bakterien heftige Bandscheiben-Beschwerden? Für Forschungen zur Behandlung von Rückenschmerzen mit Antibiotika wurde jetzt der Deutschen Schmerzpreis verliehen. mehr »

QuaMaDi wird fortgesetzt

Aufatmen im Norden: KV und Kassen haben sich auf den Fortbestand des Brustkrebsfrüherkennungsprogramm QuaMaDi geeinigt. mehr »

Ethikrat sucht nach dem goldenen Mittelweg

Wann ist eine medizinische Zwangsbehandlung fürsorglicher Schutz, wann ein unangemessener Eingriff? Diesen Fragen widmet sich aktuell der Deutsche Ethikrat. mehr »