Ärzte Zeitung, 26.10.2004

Alzheimer im Theater - "Die Akte der Auguste D."

Der Frankfurter Psychiater Konrad Maurer hat aus einer Entdeckung im Klinikarchiv ein Bühnenstück geschrieben

Alzheimer (Stefan Born) befragt die von ihrem Hausarzt in die Irrenanstalt überwiesene Patientin (Jutta Eckhard) und ihren Mann (Peter Baumann): Szene aus "Die Akte der Auguste D." Fotos: ner

Von Thomas Meißner

Sie haben das Stück über Alois Alzheimer und seine Patientin Auguste Deter verfaßt: Professor Konrad Maurer und seine Frau Ulrike.

FRANKFURT. So wie am 25. November 1901 die stationäre Einweisung der Auguste Deter in die "Städtische Heilanstalt für Irre und Epileptische" in Frankfurt am Main für Assistenzarzt Dr. Alois Alzheimer ein einschneidender Wendepunkt in seinem Leben war, so dürfte 95 Jahre später für Professor Konrad Maurer der Fund der "Aerztlichen Acten" dieser Patientin ein einmaliges Erlebnis gewesen sein. Maurer, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Frankfurt, und seine Frau Ulrike Maurer haben ein Theaterstück daraus gemacht, welches jetzt erstmals im Schauspiel der Main-Metropole aufgeführt worden ist.

Die Autoren haben es geschafft, in dem Stück vier Aspekte der Geschichte um Alzheimer und Deter geschickt miteinander zu verweben. So wird anhand des weltweit ersten beschriebenen Falles der Alzheimer-Krankheit diese nicht nur in allen Facetten beleuchtet. Die Zuschauer werfen zugleich einen Blick auf die Person Alzheimers, seine Menschlichkeit und seinen Humor.

Darüber hinaus werden der Zustand der Psychiatrie im Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts skizziert und die Faszination vermittelt, die von den Neurowissenschaften ausgeht.

Das Würzburger Ensemble unter der Regie von Mathias Repiscus und mit Jutta Eckhardt und Stefan Born in den Hauptrollen füllt die trocken-klinischen, teilweise authentischen Dialoge zwischen Alzheimer und seiner Patienten mit Leben: "Wie heißen Sie?" "Welches Datum haben wir heute?" "Was ist das für ein Gegenstand?" - Eckhardt arbeitet subtil den Unterschied zwischen Wahn und Demenz heraus, auch wenn die Angst vor dem zunehmenden Gedächtnisverlust wahnsinnig macht. Eine Angst und Verzweiflung, die emotional nachvollzogen werden kann, besonders angesichts ab und zu auftretender heller Momente und Sätzen wie: "Ich habe mich sozusagen verloren."

Born überzeugt in der Rolle des Dr. Alzheimer, der einerseits den Patienten menschlich zugewandt ist, etwa Narkotika und Fixierung zur Ruhigstellung erregter Patienten ablehnt, andererseits seine wissenschaftliche Karriere fest im Blick hat und den Freuden des Lebens nicht abgeneigt ist.

Die raschen Szenenwechsel machen das Stück sehr abwechslungsreich. Gerade gesehene Symptome der Demenz reflektiert Alzheimer in seinen Gesprächen mit dem Kollegen Dr. Adolf Friedlaender (Manfred Beierl), ohne dabei schulmeisterlich zu wirken. Und es darf immer wieder gelacht werden. Das Ensemble versteht es, Pointen zu setzen, etwa wenn sich Emil Kraepelin (Peter Baumann) in einem Spottgedicht über die Psychoanalytiker lustig macht. Da werden auch mal Verse aus dem Struwwelpeter zitiert (Heinrich Hoffmann hatte 1864 die Frankfurter "Heilanstalt für Irre" eingeweiht), oder Alzheimer legt ein Tänzchen aufs Parkett - zur Beruhigung der Patienten selbstverständlich.

In der letzten Szene wird sogar noch der Bogen in die Gegenwart geschlagen und das Publikum direkt angesprochen: Die Ärztin macht einen Demenz-Test bei einem Pianisten mittleren Alters. Nach einer Weile soll er drei zu Beginn der Anamnese genannte Worte noch einmal wiederholen. Er kann es nicht. Und im Publikum des Schauspielhauses Frankfurt macht sich Unruhe breit: Welche drei Worte waren das gleich?

Biographie, Hörspiel, Bühnenstück

Professor Konrad Maurer war 1995 im Keller der Psychiatrischen Uniklinik in Frankfurt am Main mehr oder weniger zufällig auf die Krankenakte von Auguste Deter gestoßen, der ersten dokumentierten Patientin mit Alzheimer-Demenz. Dies war der Anstoß für die erste Biographie über Alois Alzheimer, die Konrad Maurer und seine Frau Ulrike gemeinsam verfaßt haben. Sie ist jetzt auch als Taschenbuch beim Piper-Verlag erhältlich (ISBN 3-492-04061-6).

Nach dem großen Erfolg eines WDR-Hörspiels der Maurers Ende der 90er Jahre entstand schließlich eine Bühnenfassung unter Mitarbeit von Ulrike Hofmann. Ulrike Maurer leitet außerdem das Geburtshaus von Alzheimer in Marktbreit bei Würzburg. Informationen zu Veranstaltungen und Führungen gibt die Tourist-Information Marktbreit, Telefon und Fax: 09332/40544, e-Mail: touristinfo@marktbreit.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »