Ärzte Zeitung, 27.10.2004

Ruhiger Kinderfilm ohne Betroffenheits-Klischees

"Die Blindgänger" erzählt die Geschichte einer Selbstfindung / Hauptdarstellerinnen sind sehbehinderte Mädchen

HAMBURG (dpa). Gleichmäßig verteilt Marie Farbe auf dem Haar ihrer besten Freundin Inga. Wie die meisten Mädchen ihres Alters reden die beiden 13jährigen gerne über Jungs, Musik und Aussehen. Doch es gibt einen Unterschied: Die Freundinnen können nicht sehen, ob Ingas Haare nun blond oder lila sind. Denn Marie und Inga sind blind, leben im Internat einer Schule für Sehbehinderte. Mit "Die Blindgänger" ist Regisseur und Drehbuchautor Bernd Sahling ein einfühlsamer, ruhiger Kinder- und Jugendfilm ohne Betroffenheits- Klischees gelungen. Ein Film, der großen Wert legt auf Authentizität.

Die 13jährige Marie (gespielt von Ricarda Ramünke) ertastet einen Spiegel, in den sie aufgrund ihrer Blindheit gar nicht blicken kann. Fotos: dpa

Im Mittelpunkt des eineinhalbstündigen Streifens, der mit dem Deutschen Filmpreis 2004 ausgezeichnet wurde, steht Marie (Ricarda Ramünke). Geborgen lebt sie im Internat, teilt sich mit Inga (Maria Rother) ein Zimmer. Zwar spürt Marie eine geheime Sehnsucht nach der Welt der Sehenden, doch den Mut, aus ihrem klar geregelten, sicheren Leben auszubrechen, hat sie nicht. "Trau bloß keinem Gucki!", lautet ihr Motto.

Marie, Herbert (Oleg Rabcuk, Mitte) und Inga (Maria Rother, r.) haben sich als Clowns verkleidet: "Die Blindgänger".

Das ändert sich erst, als Marie den Rußland-Deutschen Herbert (Oleg Rabcuk) kennenlernt, der sehen kann. Herbert will zurück nach Kasachstan, braucht dafür aber Geld. Um für ihn das Preisgeld eines Fernsehwettbewerbs zu gewinnen, gründet sie sogar eine eigene Band. Unterstützung bekommt sie dabei von Herrn Karl (Dominique Horwitz), dem Internatsbetreuer.

In der Anfangsszene stapft Marie leise summend durch Schnee. Sicher findet sie in der vertrauten Umgebung ihrer Schule mit dem Blindenstock den Weg, weicht Hindernissen geschickt aus. Minuten vergehen, bevor überhaupt der erste Satz des Films gesprochen wird. Schon diese erste Szene verdeutlicht, daß sich der Film "Die Blindgänger" von den vielen Kinder- und Jugendfilmen abhebt, die stark auf rasante Schnitte und viel Action setzen. Der Zuschauer soll die Geschichte selbst über die Bilder entdecken. Deshalb gibt es keinen Erzähler, vieles wird nur angedeutet oder bleibt unausgesprochen.

Auffälliges Stilmittel ist dabei das Licht: Die geborgene Internatswelt wird stets in warmes, gedämpftes Licht getaucht. Die Außenwelt - zumeist durch Plattenbauten und eine Autobahn symbolisiert - kontrastiert Sahling mit grellem, weißen Licht. Eine wichtige Rolle spielen auch Geräusche: Sie werden dramaturgisch überhöht. Herberts Pfiff, das Schlagen eines Skateboards - der Zuschauer soll sich in Marie, die nicht sehen kann, hineinversetzen, sich gemeinsam mit ihr mit Hilfe von Geräuschen orientieren.

Anders als in dem erfolgreichen Kinofilm "Erbsen auf halb 6" (2004) von Regisseur Lars Büchel, in dem Sehende - Fritzi Haberlandt und Hilmir Snaer Gudnason - die Blindenrollen übernahmen, spielen in Sahlings Film Sehbehinderte. Ein Jahr lang castete der Regisseur Hunderte von Jugendlichen.

Die Wahl fiel auf Darsteller, die zwar kaum Schauspiel-Erfahrung hatten, den Charakteren des Drehbuchs aber sehr nahe kamen: Ricarda und Maria leben tatsächlich in Internaten für Sehbehinderte. "Ich glaube nicht, daß Kinder etwas wiedergeben können, was sie in keiner Weise erlebt haben", sagt Sahling, der für den Film mehrere Blinde als Berater engagierte.

Gedreht wurde die rund zwei Millionen Euro teure Produktion der Kinderfilm GmbH unter anderem in Erfurt, Weimar und Jena. Später soll der Streifen im ZDF gezeigt werden.

Mit "Die Blindgänger" ist Bernd Sahling ein überzeugender Film gelungen, in dem es vor allem um Selbstfindung und um die erste Liebe geht. "Das Thema des Films ist nicht das Blindsein", betont Sahling. Tatsache aber ist dennoch: In seinem Film können nicht nur jüngere Zuschauer viel über den Alltag von Blinden lernen.

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