Ärzte Zeitung, 05.11.2004

Wer kennt das "Gewissen der Medizin"?

Kölner Medizinhistoriker skizziert ärztliche Moralvorstellung von der Antike bis heute

Von Klaus Brath

Kaum ein Jahr vergeht ohne medizin-ethische Debatten: Ob Präimplantationsdiagnostik oder Organtransplantation, ob Sterbehilfe oder therapeutisches Klonen - die ebenso heiklen wie komplexen Probleme der Bioethik bewegen derzeit eine breite Öffentlichkeit. Selten werden in diesen Kontroversen historische Bezüge hergestellt - erstaunlich, stellen sich doch klassische medizinisch-ethische Grundfragen immer wieder aufs Neue.

  Früher galten gehorsame Patienten als aufgeklärt, heute autonome.

Nun bietet das Buch "Das Gewissen der Medizin" von Professor Klaus Bergdolt Gelegenheit, dieses "Defizit an historischem Wissen" auszugleichen. Der Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Köln stellt nicht nur historische Standesordnungen und Eidesformeln vor, sondern erörtert auch philosophische und theologische Werke; auch diese prägten das ärztliche Denken und Handeln am Krankenbett wie im Labor.

Das zeitliche und thematische Spektrum des Buches ist weit gespannt. Es reicht vom einflußreichen Menschenbild der griechisch-römischen Antike über die christliche Ethik der mittelalterlichen Mönchsärzte bis zur Fortschrittsgläubigkeit und zum Utilitarismus des beginnenden 21. Jahrhunderts; von idealistischen Arztbildern etwa bei Christoph Wilhelm Hufeland (der Arzt führe "ein Leben für andere, nicht für sich") über Petrarcas kulturhistorisch bedeutsame These, Medizin und Ethik stellten natürliche Gegensätze dar, bis hin zur Pervertierung ärztlicher Ethik durch grausame Menschenversuche und die sogenannte Euthanasie im Nationalsozialismus.

Bergdolts kenntnisreiche Darstellung verdeutlicht, daß ärztliche und allgemeine Ethik sich weder früher noch heute voneinander trennen lassen. Entsprechend erörtert er auch immer wieder die Patientenethik. "Die Kranken mögen bedenken, daß man ihnen dient, um Gott zu ehren", meinte etwa der heilige Benedikt und mahnte die Kranken, pflegende Brüder "nicht durch übertriebene Ansprüche traurig zu machen."

Während sich noch im 18. Jahrhundert das "aufgeklärte" Verhalten des Patienten im Gehorsam gegenüber dem Arzt erwies, widersetzte sich der "autonome" westliche Patient gegen Ende des 20. Jahrhunderts zunehmend dem traditionellen ärztlichen Paternalismus.

An der Entwicklung der Patientenmoral zeigt sich exemplarisch, wie pluralistisch, teils widersprüchlich sich die medizinische Ethik bis heute entwickelt. Folgerichtig warnt Bergdolt in seinem Werk vor einfachen und einseitigen Problemlösungen. Sein Buch demonstriert: Auch historisches Wissen liefert keine unmittelbaren Lösungen für die heutigen medizinethischen Probleme - aber es sensibilisiert für die Genese gegenwärtiger Überzeugungen und nährt eine heilsame Skepsis.

Klaus Bergdolt. Das Gewissen der Medizin. Ärztliche Moral von der Antike bis heute. C. H. Beck, München September 2004, 377 Seiten, 4 Abbildungen 29,90 Euro.

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