Ärzte Zeitung, 08.11.2004

HINTERGRUND

"Ärzte waren das Rückgrat nationalsozialistischer Verbrechen"

BERLIN. Kein Berufsstand war so tief in die abscheulichen Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt wie Ärzte. Sie waren die geistigen Wegbereiter der Rassengesetze und der Eugenik. Und sie haben verantwortlich am Vollzug von Massenmord mitgewirkt. Mehr als die Hälfte der Ärzte war Mitglied in NS-Organisationen. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Holocaust ist die medizinhistorische Aufarbeitung in Gang gekommen - aber die besondere Verantwortung des Berufsstandes für seine schreckliche Vergangenheit ist den meisten Ärzten nicht bewußt.

Von Helmut Laschet

Ort des Gedenkens an die ermordeten und vertriebenen jüdischen Ärzte: das Centrum Judaicum in Berlin. Foto: HL

Zwei Tage vor dem 9. November, dem Datum der Reichspogromnacht von 1938, ist gestern in der Neuen Berliner Synagoge in Berlin der 2000 vertriebenen, verfolgten und ermordeten Berliner jüdischen Ärzte gedacht worden. Zur gleichen Zeit eröffnete Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin die Dauerausstellung "Medizin und Verbrechen".

Die historische Aufklärung der Beteiligung von Ärzten an den Verbrechen des Nationalsozialismus - und vor allem ihrer Ursachen - steht immer noch am Anfang. Erst Ende der 80er Jahre hat sich erstmals ein Deutscher Ärztetag mit dem dunkelsten Kapitel in der Geschichte des Berufsstandes befaßt. Auf Initiative der KV Berlin und mit finanzieller Unterstützung der KBV und der Bundesärztekammer erforscht die Hamburger Historikerin Rebecca Schwoch die Geschichte jüdischer Ärzte im Berlin des Nationalsozialismus.

"Ideengeber und Vollstrecker - bis an die Rampe von Auschwitz"

Schon Anfang der 20er Jahre war fast ein Viertel der Mediziner in Deutschland Mitglied der NS-Bewegung. Am Kriegsende waren es mehr als 50 Prozent - keine andere Berufsgruppe war derart stark in nationalsozialistischen Gruppierungen organisiert.

Und nicht nur als Mitläufer oder Opportunisten. Dr. Manfred Richter-Reichhelm, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung in Berlin: "Ärzte gehörten zu den geistigen Wegbereitern der Rassengesetze. Sie lieferten nicht nur die Ideen - Stichwort Eugenik und Rassenhygiene -, nach denen per Gesetz definiert wurde, welches Leben lebenswert zu sein hatte, sie nahmen auch ganz maßgeblich Einfluß auf die Ausgestaltung der Rassengesetze (...). Ärzte gehörten zu den willigen Vollstreckern - bis hin zur Rampe in Auschwitz."

2000 Berliner Ärzte wurden ihres Berufs beraubt

Verbrecherisch war aber auch das Verhalten gegenüber den eigenen - jüdischen - Kollegen. Aus noch vorhandenen Archiven ist inzwischen bekannt, daß die Vorläuferorganisation der KV Berlin, die Provinzstelle Groß-Berlin der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands, besonders aktiv war, jüdischen Ärzten die Kassenzulassung zu entziehen. 3600 Ärzte gab es 1933 in der Hauptstadt, 2000 davon waren Juden, die als Kassenarzt niedergelassen waren. Als erstes verloren sie ihre Kassenarztsitze - zugunsten der sogenannten deutschblütigen Mediziner. Am 30. September 1938 wurde jüdischen Ärzten die Approbation entzogen; nur 279 ihres Berufs beraubte Ärzte erhielten den Status eines Krankenbehandlers, der es ihnen erlaubte, jüdische Patienten zu versorgen.

Die Historikerin Schwoch: "Mit der Ausschaltung der größtenteils hochqualifizierten Ärzte verstieß die KV nicht nur gegen das elementare standesethische Gebot der Kollegialität, sondern verletzte durch den damit verursachten massiven Kassenärztemangel auch ihre Verpflichtung, die ärztliche Versorgung zu gewährleisten." In einem mehrjährigen wissenschaftlichen Projekt versucht Schwoch zu klären, wie die KVD-Landesstelle in die Ausschaltung jüdischer (und anderer politisch mißliebiger) Kollegen involviert war. Noch völlig ungeklärt ist, welche Standesfunktionäre damals persönlich beteiligt und verantwortlich waren. Vollkommen im Dunkeln ist noch, wie Patienten auf die Vertreibung ihrer Ärzte reagiert haben und welche Folgen die NS-Gesundheitspolitik für die Versorgung von Patienten hatte.

Wenig befriedigende Antworten, eher Vermutungen, gibt es darüber, warum gerade Ärzte in solch extremem Ausmaß in NS-Gruppierungen organisiert waren und sich derart aktiv an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt haben. Das starke Zusammengehörigkeitgefühl? Die Dominanz national-reaktionärer Ideologien? Der seit dem Mittelalter weit verbreitete Antisemitismus? Damals moderne biologistisch-darwinistische Weltbilder? Letztlich auch wirtschaftliche Konkurrenz in einer Zeit der Not?

Erinnern und Gedenken ist deshalb nicht folgenlos - sondern führt zu Fragen nach mehr Fakten und Ursachen. Dr. Roman Skoblo, der Vorsitzende der Organisation der Jüdischen Ärzte in Berlin, warnt deshalb vor einer historischen Amnesie.

Gerade erst haben sich NPD, DVU und andere zu einer braunen Volksfront zusammengeschlossen - in antisemitischer Tradition auf der Suche nach dem Sündenbock.

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