Ärzte Zeitung, 26.11.2004

"From zero to a hero": der schnellste blinde Langstreckenläufer

Henry Wanyoike wurde mit 21 Jahren blind / In seinem Buch "Mein langer Lauf ins Licht" erzählt er, wie er damit fertiggeworden ist

Der blinde Henry Wanyoike (rechts) und sein Führungsläufer beim Frankfurt-Marathon, Amos Mungai Wambui. Foto: CBM

Er hat bei den Paralympics in Athen zweimal Gold gewonnen - und das jeweils in Weltrekordzeit über die 5000 und 10 000 Meter. Seit Mai hält er auch die Weltbestzeit auf der Marathon-Strecke in 2:33 Stunden: Damit ist Henry Wanyoike mit Abstand der schnellste blinde Langstreckler der Welt.

Er stammt aus Kenia. Dort wurde er in einem Projekt der Christoffel-Blindenmission (CBM) gefördert. Nicht als Läufer, sondern zunächst in ganz einfachen Dingen des täglichen Lebens. Seine unglaubliche Geschichte ist im Herder-Verlag unter dem Titel "Mein langer Lauf ins Licht" erschienen .

Als Henry Wanyoike im Mai 1995 klar wurde, daß er sein Augenlicht verloren hatte, brach für den damals 21jährigen Kenianer eine Welt zusammen: Im von der CBM geförderten Kikuyu-Augenhospital stellten die Ärzte fest, daß seine Sehkraft nach der Netzhauterkrankung nicht zu retten ist.

"Es dauerte zwei Wochen, bis ich das akzeptieren konnte", erinnert sich der sportliche junge Mann heute. "Nachdem mir klar war, daß ich wirklich blind bin, bekam ich psychische Probleme: Ich konnte mich auf nichts mehr konzentrieren." Heute ist Henry nicht nur mental, sondern auch körperlich wieder in Hochform. Und eilt als Langstreckenläufer von Erfolg zu Erfolg.

Für den jungen Mann mit den schnellen Beinen, der schon während seiner Schulzeit Auszeichnungen für sportliche Höchstleistungen errang, war dies eine Belohnung für sein hartes Training. Schritt für Schritt lernte der sportlich ambitionierte Kenianer, wie er auch als Blinder Erfolge in internationalen Wettkämpfen erzielen kann.

Eine wichtige Person in dieser Zeit war Petra Verweyen, die im Auftrag der Christoffel-Blindenmission das Low-Vision-Programm in Kikuyu leitete. Petra Verweyen: "Er war so hilflos und traurig, als er kam. Er kann kaum sehen, nimmt das schemenhaft aus einem Meter wahr, was wir in 60 Meter Entfernung lesen können. Wir haben ihn Handarbeiten gelehrt und gezeigt, wie man mit einer Zeitung umgeht, wie man mit Hilfsmitteln die Überschriften und Untertitel lesen kann."

Vor vier Jahren in Sydney, als ihn kaum ein Journalist kannte, nahm die Erfolgsgeschichte ihren Anfang. Wanyoike war seinerzeit schneller als sein Führungsläufer, mit dem er durch ein Band am Handgelenk verbunden ist, dieser strauchelte, Wanyoike stemmte ihn hoch und schleppte ihn bis ins Ziel. "Welche Leistung! From zero to a hero!", entfuhr es Arnold Schwarzenegger.

Einen Führungsläufer zu finden, der mindestens genauso schnell ist, wie er selbst, das ist eines der Probleme von Wanyoike. Ein anderes trat beim Wien-Marathon 2003 auf. Ein Läufer überholte ihn, stoppte dann abrupt ab, und der blinde Kenianer stieß gegen seinen Vordermann und stürzte auf den Asphalt. "Das war ein Augenblick, in dem ich meine Behinderung bitte zu spüren bekam", sagte er damals. (ag)

Henry Wanyoike: "Mein langer Lauf ins Licht. Der schnellste blinde Marathonmann der Welt über sein unglaubliches Leben." Herder Verlag, Freiburg. 192 Seiten. Euro 8,90.

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