Ärzte Zeitung, 28.10.2005

Bronzezeit-Menschen fast ohne Infektionen oder Karies

Göttinger Paläopathologe untersucht Skelette aus der Slowakei / Wohlstand wirkte sich auf die Gesundheit aus

Der Abdruck eines bronzenen Diadems zeichnet sich deutlich auf der Schädeldecke ab. Fotos: pid

Von Heidi Niemann

Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm. Diese Erkenntnis von Bertolt Brecht trifft auch auf das Gesundheitswesen zu: Arme sind oft stärker von Krankheiten betroffen als Reiche. Daß dies schon immer so war, zeigen neue paläopathologische Forschungen.

Der Göttinger Wissenschaftler Professor Michael Schultz, der als weltweit anerkannter Experte auf dem Gebiet der Erforschung prähistorischer Krankheiten gilt, hat über 4300 Jahre alte Skelette aus dem Nitra-Tal in der heutigen Slowakei untersucht.

Der Vergleich mit Skelettfunden von späteren slawischen Bewohnern aus der gleichen Region zeigt nämlich, daß die Menschen in der frühen Bronzezeit sehr viel weniger von Krankheiten geplagt waren als im frühen Mittelalter, als die Menschen in der Region besonders arm waren.

Das Bronzezeit-Gräberfeld ist eine archäologische Sensation

Die Bronzezeit-Skelette stammen aus dem erst vor einigen Jahren entdeckten Gräberfeld des Dorfes Mýtna Nová Ves im nordwestlichen Karpatenbecken.

Auf Einladung des Archäologischen Instituts der Slowakischen Akademie der Wissenschaften in Nitra konnte Schultz gemeinsam mit Stipendiaten, Doktoranden und ausländischen Gastwissenschaftlern dort eine Grabung vornehmen, die vom Universitätsbund Göttingen gefördert wurde.

Dieser Schädel weist Verletzungsspuren auf: der Göttinger Paläopathologe Michael Schultz mit einem Schädel aus der Bronzezeit.

Das Gräberfeld gilt auch deshalb als archäologische Sensation, weil fast alle der insgesamt über 600 ungeplünderten Gräber wertvolle Beigaben von Schmuck, Waffen und Werkzeugen enthielten. Dies zeige, daß die Bestatteten aus der Bronzezeit offenbar recht wohlhabend gewesen waren, sagt der Göttinger Wissenschaftler.

In vielen Gräbern fanden sich Hals- und Armringe, Armreifen, Perlenketten sowie steinerne Pfeilspitzen und bronzene Dolche. Mehrere Tote waren auch mit einem Diadem bestattet worden, darunter eine Frau. Diese Menschen hatten vermutlich Führungspositionen inne gehabt.

Der Wohlstand des prähistorischen Dorfes wirkte sich auch auf die Gesundheit und die Lebenserwartung seiner Bewohner aus. Die Skelettuntersuchungen ergaben, daß es in der Bronzezeit-Population kaum Infektionskrankheiten oder Epidemien gab.

Auch der Verschleiß der Gelenke habe sich in Grenzen gehalten, sagt der Göttinger Paläopathologe. Zahnschmerzen dürften die damaligen Bewohner ebenfalls nur selten geplagt haben. Die meisten Gebisse waren vollständig, es fanden sich kaum Hinweise auf Karies und Zahnabszesse. Auch die Kindersterblichkeit war deutlich geringer als später im Mittelalter.

Viele Dorfbewohner sind mit Äxten erschlagen worden

Doch auch wenn es den bronzezeitlichen Ackerbauern und Jägern gesundheitlich so viel besser ging als Jahrtausende später den slawischen Bewohnern, war der Wohlstand nicht automatisch Garant für ein langes Leben.

Der Reichtum weckte offenbar auch Neider. Die Untersuchung der Skelette ergab nämlich, daß mehrere Bewohner gewaltsam getötet worden waren. Besonders schwere Verletzungen weist der Schädel eines jungen Mannes auf. Eine Hammeraxt hatte ihm das Schädeldach glatt durchschlagen.

Zu den Opfern von Mord und Totschlag gehörten auch Frauen. Ihre Schädel weisen ebenfalls Schlagmarken auf. "Vermutlich wurden sie mit einer steinernen Axt erschlagen", sagt Schultz. Das Grab einer Frau befand sich unter dem Grab eines Mannes, dessen Schädel ebenfalls Verletzungsspuren aufweist.

Beide wurden offenbar zur gleichen Zeit verletzt. Der Mann habe die schweren Hiebe aber nach einer Schädeldach-Operation überlebt, sagt der Paläopathologe. Dies lasse sich aus einer Narbe am Schädeldach und zwei ausgeheilten Lochdefekten schließen.

Die Gräber sagen auch einiges über damalige gesellschaftliche Strukturen aus. So war die Frau mit dem Diadem in der gleichen Position bestattet wie ein Mann. Dies zeige, daß diese Frau eine hohe Funktion bekleidet habe, sagt Schultz. Vermutlich habe sie die Stelle eines Mannes vertreten. Emanzipation ist also keineswegs erst eine Errungenschaft der Moderne.

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