Ärzte Zeitung, 19.01.2005

Das Listenfieber grassiert

"Schotts Sammelsurium" ist ein Bestseller / Vor allem Männer lieben Listen

BERLIN (dpa). Ob "Die 100 peinlichsten Berliner" ("Tip"), "Die 100 nervigsten Popsongs" (ProSieben) oder "23 Zeichen, an denen man erkennt, daß eine Frau beim Chirurgen war" ("Men's Health"): In Deutschland grassiert das Listenfieber.

Man muß nicht wirklich alle Ehemänner von Elizabeth Taylor kennen. Oder wissen, in welchen Ländern Linksverkehr gilt, wie merkwürdig die Könige in Burma ums Leben kamen und welche Zehner-Codes Amateurfunker benutzen. Und dennoch behauptet sich "Schotts Sammelsurium" von unnützem wie amüsantem Wissen seit Wochen auf Platz 1 der "Spiegel"-Bestsellerliste.

Bei Bloomsbury Berlin, der Schotts Listen 230 000 Mal verkaufte, sucht man nach Erklärungen für den Erfolg. Neben der liebevollen Gestaltung besticht das Buch nach Meinung von Verlagssprecher Carsten Sommerfeldt durch "diese völlige Zusammenhanglosigkeit" und das "hohe Suchtpotential". "Man liest sich sofort fest", findet Sommerfeldt. Ein Konkurrenzbuch gibt es mit Dr. Ankowitschs "Kleines Konversations-Lexikon" (Eichborn). Darin erfährt man etwa, nach welchem System Ikea seine Möbel benennt oder welche "affigen Friseurnamen" es gibt.

Bloomsbury bekommt viel Post von Schott-Fans, die meisten davon Männer. Sind Listen also Männersache? "Auf jeden Fall gibt es da eine Affinität", glaubt "Men's-Health"-Chefredakteur Wolfgang Melcher. "Männer haben einen Sammeltrieb." Alles, was durchgezählt werden kann, stoße bei ihnen auf größere Begeisterung. Das Hamburger Männermagazin nutzt in jedem Heft die Aufzählung, weil "leichte, überschaubare Einzelschritte" den Lesern gefallen. Melcher zitiert aus einer Ausgabe: "Die 9 besten Übungen gegen Rückenschmerzen", "5 Sätze, die man bei einer Trennung nicht benutzen sollte" und "Perfekt Putzen in 4 Schritten".

Jedermanns Sache sind solche Aufzählungen und der Trend zur "Hitparadisierung" (DeutschlandRadio Berlin) aber nicht. Matthias Kalle vom Stadtmagazin "Zitty" (Berlin) hält dem entgegen: "Listen zwingen dazu, klar und strukturiert zu denken und alles Überflüssige wegzulassen." In der Psychologie ist dies altbekannt und in Form von "To-Do-Listen" beim Zeitmanagement beliebt.

Die meisten in den Medien kursierenden Listen zeichnet außer dem mehr oder weniger hohen Informationsgehalt aber vor allem eines aus: Sie wollen unterhalten.

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