Ärzte Zeitung, 04.02.2005

Die "Großen Drei" von Jalta waren sehr krank

Vor 60 Jahren wurde das Schicksal Europas beraten / Wie schlecht es den Staatschefs ging, wußten nur die Ärzte

NEU-ISENBURG (ug). Heute vor 60 Jahren begann die Konferenz von Jalta auf der Krim, bei der die Weichen für die Nachkriegspolitik in Deutschland und Europa gestellt werden sollten. Die "Großen Drei" - US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der britische Premierminister Winston Churchill und der sowjetische Regierungschef Josef W. Stalin - waren allerdings in schlechter gesundheitlicher Verfassung. Roosevelt und Churchill waren vorübergehend sogar nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte.

Gut gelaunt, aber krank: Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin 1945 bei der Konferenz von Jalta. Foto: dpa

Wie schlecht es den drei Staatschefs während der Konferenz von Jalta wirklich ging, wußte die Welt nicht. Genaue Kenntnisse über den Gesundheitszustand der "Großen Drei" hatten nur die Leibärzte, die die insgesamt 700 Mann starken Delegationen begleiteten.

Lord Moran, Leibarzt von Winston Churchill. Foto: ÄZ

Franklin D. Roosevelt (1882 bis 1945) litt seit seinem 39. Lebensjahr an Poliomyelitis und war von der Hüfte ab gelähmt. Außerdem war er schwer herzkrank. Schon Ende 1944 war er körperlich stark geschwächt. Roosevelts Leibarzt, Dr. Ross McIntire, Hals-Nasen-Ohren-Arzt am Naval Hospital, zog den Kardiologen Dr. Howard Bruenn vom Bethesda Marine Hospital zu Rate. Bruenn stellte einen Hypertonus mit Spitzenwerten von 240/130 mmHg fest.

Der illustre Patient bot einen ingesamt desaströsen Gesundheitszustand: Er litt an häufigen Bauchkrämpfen, war sehr blaß (seit 1941 bekannter Hb-Wert um 4,5g/dl) und hatte stark an Gewicht verloren. McIntire, der auch das US-Ärzte-Team in Jalta leitete, wurden später Vorwürfe gemacht, er hätte Roosevelt nicht fahren lassen dürfen. Der US-Präsident überlebte die Konferenz von Jalta denn auch nur um zwei Monate.

Daß Roosevelt eigentlich unfähig war, die Verhandlungen in Jalta zu führen, ärgerte und belastete Winston Churchill (1874 bis 1965). Dabei war der britische Premierminister selbst gesundheitlich schwer angeschlagen, wie sein Leibarzt Dr. Charles Wilson Lord Moran selbst in einer Biographie seines Patienten, die 1966 erschien, veröffentlichte. Churchill aß und trank unmäßig viel. Außerdem rauchte er Kette.

Bis 1940 war er nie ernsthaft krank gewesen. Doch dann mußte er seinem Lebensstil Tribut zollen. Im Dezember 1941 bekam er den ersten schweren Herzanfall, zwei Jahre später den zweiten. Die Symptome der Koronal- und vor allem auch einer Zerebralinsuffizienz beeinträchtigen Churchill zunehmend. Schon vor der Konferenz von Jalta wirkte er fahrig, lustlos, unkonzentriert und verbraucht. In Jalta hatte er Probleme, den Verhandlungen zu folgen, wie Lord Moran schrieb.

Josef W. Stalin (1879 bis 1953) war zwar ebenfalls keineswegs gesund, aber er hatte die bessere Konstitution. Er gilt auch als der eigentliche Gewinner von Jalta. Stalin war ein paranoid mißtrauischer, einsamer Mann, der an verschiedenen Phobien litt. Er haßte alle Ärzte. Seine Iatrophobie könnte aber einen realen Hintergrund gehabt haben, wie seine Tochter Swetlana in ihren Erinnerungen vermutet: Sie nimmt an, daß die Lähmung des linken Armes und der Schulter, an der Stalin seit seiner Kindheit litt, Folge eines ärztlichen Kunstfehlers war.

Stalins Leibarzt war der Internist Dr. Wladimir Winogradow. Aber er ließ sich nur im Notfall behandeln und befolgte die Therapien nicht. Dokumentationen über Stalins Gesundheit waren dem Arzt strengstens verboten. So ist nur bekannt, daß Stalin Hypertoniker war. Später ließ er Winogradow zusammen mit anderen Ärzten verhaften.

Ein Todkranker, ein Zerebralinsuffizienter und ein Paranoider waren also die "Großen Drei", die in Jalta über Europas Zukunft verhandelten.

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