Ärzte Zeitung, 23.02.2005

Chirurgen, Apotheker und Geburtshelfer in Pompeji

Medizinisches in der großen Pompeji-Ausstellung im Mannheimer Reiss-Museum / Viel Strontium und Blei in Skeletten aus Herculaneum

Gipsausformung eines gestürzten und dann an giftigen Gasen erstickten Menschen. Seine Kleidung ist noch erkennbar. Fotos: Stiehler-Alegria

Von Gisela Stiehler-Alegria

Japyx entfernt eine Pfeilspitze aus dem Oberschenkel des Äneas, ein Mosaik aus der "Casa del Sirico".

Die Heilung des verwundeten Telephos, ein Relief aus der "Casa del rilievo" in Herculaneum.

Archäologische Ausstellungen haben auch ihre lustigen Seiten: "Zahnklempner, Quacksalber oder Heilkünstler?" nannte sich etwa ein Aktionstag für Kinder im Mannheimer Reiss-Museum, wo es bis zum 17. April die Schau "Pompeji. Die Stunden des Untergangs" zu erleben gibt.

Inspiriert wurden die Kids von einem Tafelbild aus der "Casa del sirico" in Pompeji. Es zeigt den Arzt Japyx beim Entfernen einer Pfeilspitze aus dem Bein des Äneas mit einer silbernen Wundzange. Das Gemälde selbst ist ein Beispiel für die Bandbreite pompejanischer Wanddekorationen. Farbig abgesetzte Quaderimitationen gehörten zum Standard, doch wer es sich leisten konnte, protzte mit mythologischen Szenen oder imaginären Architekturwelten.

In Pompeji gibt es einige Hinweise auf Mediziner. Als die Ausgräber 1771 etwa erstmals auf medizinisches Instrumentarium stießen, tauften sie den Ort unter dem Aspekt des Fundmaterials "Haus des Chirurgen".

Die überlieferten Namen der Besitzer lassen auf deren Ethnizität schließen, denn im alten Rom war die wissenschaftlich betriebene Medizin von Anfang an ein Metier, das Einwanderer griechischer, syrischer oder alexandrinischer Herkunft ausübten. Gegen Ende der Republik bildeten reiche Römer begabte Sklaven als Ärzte aus, denen dann die Gesundheitspflege oblag. Ein solcher "servus medicus" durfte im Haus seines "patronus" arbeiten oder sich als Freigelassener mit einer Praxis bewähren.

Dort führte er oft noch eine "farmacia", wie man sie etwa im Haus des Pumponius Magonianus entdeckt hat. Der zur Hauptstraße ausgerichtete Ladenraum bestand aus Regalen, Schränken und Vorratsräumen, zur Ausstattung gehörten zum Beispiel Köcher, Glasfläschchen, Uterusspiegel, Mörser mit Stößeln, Waagen. Bezeichnenderweise zierten Pflanzenmotive die Sockelzone der Arbeitsräume, im Privatbereich waren die Schutzpatrone der Heilkunst, Chiron, Apollon und Hippokrates, dargestellt.

Ein "Wöchnerinnenheim" vermutet Pompeji-Experte Hartmut Döhl im Haus von Acceptus und Euphodia, dessen Obergeschoß kleine separate Zimmer beherbergte. Frauenbüsten und spielende Knaben dekorierten die Wände, man fand das Relief eines Flaschenkindes, ferner lange Pinzetten, Uterusspiegel, Strigiles und Salbenbehälter. Diese Indizien sowie Statuetten ägyptischer Gottheiten lieferten den Hinweis, daß es sich um Geburtshelfer aus Alexandria gehandelt haben muß.

Im Parterre jenes Hauses lagen drei Menschen, die offenbar Schmuck und Geld zusammengerafft hatten, bevor die giftige Gaswolke sie erstickte. Von den Opfern, die in den Häusern ums Leben kamen, blieben meist die Skelette erhalten. Die Körper der im Freien Verschütteten, soweit sie nicht im Pyroklast verglühten, dagegen verwesten unter der porösen Lavaschicht und hinterließen Hohlräume. Diese Hohlräume gossen die Archäologen mit Gips aus und konnten so die menschlichen Gestalten plastisch wiedergeben.

Untersuchungen der Anthropologin Sara Bisel an Hunderten von Skelettfunden aus Herculaneum ergaben, daß die Durchschnittsgröße der Männer bei 1,75 Meter und die der Frauen bei 1,55 Meter lagen. Prinzipiell spräche das Längenwachstum für eine gute Ernährungssituation, doch ohne altersspezifische Differenzierungen bleibt die Aussage unbefriedigend. Der hohe Strontiumanteil im Knochenmaterial läßt vermuten, daß viel Fisch auf der Speisekarte stand.

Signifikant hoch ist der Bleigehalt einiger Proben. Die im Altertum häufige Symptomatik der Bleivergiftung resultierte wahrscheinlich aus dem Gebrauch von bleiglasierten Töpferwaren oder Bleikesseln. Natürlich hinterließen auch körperliche Belastungen oder Verletzungen spezifische Spuren an der Oberflächenstrukur des Knochenmaterials.

Eine Interpretation der Befunde verführt zur Erstellung hypothetischer Lebensläufe der Lava-Opfer: Schicksale, die der bloßen Historizität ein Gesicht verleihen.

Die Ausstellung "Pompeji. Die Stunden des Untergangs" im Reiss-Museum Mannheim zeigt rezente Funde aus Pompeji sowie neue Erkenntnisse über den plötzlichen Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79. Sie läuft noch bis zum 17. April. Geöffnet ist Die-So 11-18 Uhr. Reich bebilderter Katalog. Infos im Internet: www.rem.mannheim.de/pompeji/Ausstellung.htm

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