Ärzte Zeitung, 08.04.2005

Homöopathen machten den ersten Doppel-Blindversuch

Interview mit dem Medizinhistoriker und Hahnemann-Biographen Robert Jütte über die Erfolge, Mißerfolge und Bedeutung der Homöopathie 

Erzielte seine ersten großen Therapieerfolge in der Behandlung von Cholera-Patienten: Samuel Hahnemann. Foto: Archiv

An dem von Samuel Hahnemann 1790 entdeckten Ähnlichkeitsprinzip und den Arzneimittelgaben in hohen Verdünnungen scheiden sich noch immer die Geister. In seiner soeben erschienenen Biographie "Samuel Hahnemann - Begründer der Homöopathie" (Deutscher Taschenbuch Verlag, München) gibt Professor Robert Jütte, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart, Einblicke in die Grundprinzipien und die Praxis der homöopathischen Heilkunst von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Darüber hinaus erzählt er - auf neue Quellen gestützt - von Hahnemanns bewegtem Leben. Adalbert Reif, Mitarbeiter der "Ärzte Zeitung", sprach mit dem Medizinhistoriker über Hahnemanns Erfolge sowie Mißerfolge und darüber, was die Homöopathie für viele Patienten bis heute so attraktiv macht.

"Ärzte Zeitung": Herr Professor Jütte, worin bestehen aus historischer Perspektive Hahnemanns Neuerungen?

Medizinhistoriker Robert Jütte vor einem Portrait Hahnemanns. Foto: Ruth R. Reif

ZUR PERSON

Professor Robert Jütte (Jahrgang 1954) ist seit 1990 Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart, wo auch der bedeutendste Teil des schriftlichen Nachlasses von Samuel Hahnemann verwahrt wird.

Zu den wichtigsten Buchveröffentlichungen von Robert Jütte gehören: "Geschichte der alternativen Medizin" (1996), "Eine Geschichte der Sinne" (2000), "Lust ohne Last. Geschichte der Empfängnisverhütung von den Anfängen bis in die Gegenwart" (2003) und in diesem Jahr "Samuel Hahnemann - Begründer der Homöopathie". (rad)

Robert Jütte: Die Homöopathie stützt sich auf drei therapeutische Grundprinzipien: das Simile- oder Ähnlichkeitsprinzip, nach dem ein Patient mit einem Mittel behandelt wird, das beim Gesunden ähnliche Symptome hervorruft, wie sie der Kranke zeigt; das Prinzip, daß die Arzneimittelprüfung am Gesunden zu erfolgen hat und nicht erst am Krankenbett; und schließlich das Prinzip der individuellen Krankheitserfassung. Das ist es, was die Homöopathie für Patienten bis heute so attraktiv macht. Der Patient wird als Individuum gesehen und seine Symptomatik ganz individuell gedeutet.

"Ärzte Zeitung": Und was war das Umstrittene an Hahnemanns Konzept?

Jütte: Das bis heute wirklich Umstrittene sind die hohen Verdünnungen. Sie beruhen auf einem empirischen Zufallsfund Hahnemanns und sind das Ergebnis von Arzneimittelprüfungen an gesunden Menschen. Hahnemann stellte fest, daß der Effekt umso größer wurde oder sich sogar ein anderer Effekt ergab, je mehr er die pflanzlichen Giftstoffe verdünnte. Hingegen ist das Ähnlichkeitsprinzip auch in der heutigen Schulmedizin nicht mehr prinzipiell umstritten.

"Ärzte Zeitung": Auf welchen Feldern verzeichnete Hahnemann die größten Therapieerfolge?

Jütte: Die Homöopathie hatte ihren Durchbruch und ihren Erfolg in der Seuchenbehandlung. Zu Beginn der 1830er Jahre fand die erste Cholera-Epidemie statt, der im Abstand von 15 bis 20 Jahren weitere Epidemien folgten. Und gerade bei der Cholera vermochte die Homöopathie erstaunliche Erfolge zu erzielen.

Der Grund für diesen Erfolg lag darin, daß Hahnemann bei der Bekämpfung der Seuche nicht das Falsche tat. Er zog den Cholerakranken, die durch Durchfall und Brechreiz unter Flüssigkeitsentzug litten, nicht mittels Aderlaß noch zusätzlich Körperflüssigkeiten ab, sondern verabreichte ihnen Kampfer, versetzt mit Mineralbrunnenwasser, so daß sie eine Flüssigkeitszufuhr erhielten. Wo in den Cholera-Spitälern diese homöopathische Methode zur Anwendung kam, fielen die Mortalitätsraten wesentlich niedriger aus.

"Ärzte Zeitung": Von der Medizingeschichte kaum wahrgenommen wurde Hahnemanns Einsatz für eine menschlichere Behandlung der Geisteskranken...

Jütte: Das ist richtig. Es gibt eine lange Tradition der Psychiatrie-Geschichtsschreibung, wo auf jede, selbst die kleinste, Reform genau eingegangen wird. Daß jedoch Hahnemann auf diesem Gebiet, zumindest in Deutschland, ebenfalls ein Pionier war, davon ist nirgendwo die Rede.

Hahnemann nahm sich gerade der schwierigeren Fälle an und wurde auf eine Art und Weise innovativ, wie sie dann im Verlauf des 19. Jahrhundert häufiger anzutreffen war: nämlich mit einer Arbeits- und Gesprächstherapie. Noch in seiner letzten Lebensphase in Paris versuchte er, sich psychiatrischen Krankheitsbildern homöopathisch zu nähern und erzielte damit sowohl Erfolge wie Mißerfolge. Leider ist sein Wirken auf diesem Gebiet später nahezu in Vergessenheit geraten.

"Ärzte Zeitung": Inwiefern bemühte sich Hahnemann um einen wissenschaftlichen Beweis seiner Therapie?

Jütte: Es fanden bereits zu Lebzeiten Hahnemanns immer wieder Versuche statt, die homöopathischen Verfahren wissenschaftlich abzusichern. Tatsächlich wurde der erste Doppelblind-Versuch, den es in der Geschichte der Medizin gab, 1835 von homöopathischen Ärzten in Nürnberg vorgenommen.

Versuche, das Wirkprinzip der Homöopathie zu entschlüsseln, wurden dagegen erst im 20. Jahrhundert unternommen. Und hierbei erwiesen sich die Mediziner als konservativer als die Naturwissenschaftler, die schon mit der Planckschen Quantenmechanik vom kausalen Denken abließen. Deswegen kamen denn auch die entscheidenden Erkenntnisse, wie sich durch die hohen Verdünnungen Strukturveränderungen im molekularen Bereich ergeben, eher von den Physikern.

"Ärzte Zeitung": Welche Bedeutung messen Sie der Homöopathie im Kontext der gegenwärtigen Gesundheitsversorgung bei?

Jütte: Patienten, die die Homöopathie "ausprobiert" haben, zeichnen sich durch einen hohen Zufriedenheitsgrad aus. Das zeigen alle Studien oder Modellversuche der Krankenkassen. Rein quantitativ betrachtet, spielt die Homöopathie im Kontext der Gesundheitsversorgung jedoch lediglich eine untergeordnete Rolle. So praktizieren in Deutschland nur etwas mehr als 4000 homöopathische Ärzte.

Wesentlich bedeutender ist die Rolle der Homöopathie in der Veterinärmedizin. Insbesondere in der Massentierhaltung stellt sich das ökonomische Problem, daß beim Einsatz von Antibiotika ein Tier aufgrund der Antibiotika-Rückstände nicht mehr verkäuflich ist und für den Tierhalter zum wirtschaftlichen Verlust wird.

Beim Einsatz der Homöopathie entfällt dieses Risiko: Es gibt keinerlei Rückstände. Insofern ist heute der Einsatz von Homöopathie in der Massentierhaltung üblich und, wie sich gezeigt hat, mit großem Erfolg.

"Ärzte Zeitung": Ist die Homöopathie nun dem Bereich der sogenannten "Alternativen Medizin" zuzuordnen oder nicht?

Jütte: Sie ist eindeutig der "Alternativen Medizin" zuzuordnen, auch wenn das die Homöopathen nicht allzu gerne hören. Als ich 1996 mein Buch "Geschichte der alternativen Medizin" veröffentlichte, wurde mir zwar erklärt, es wäre doch besser, von Komplementärmedizin zu sprechen. Dennoch beharre ich darauf, die Homöopathie als "Alternative Medizin" zu bezeichnen. Denn die Grenzen zur Schulmedizin sind deutlich gegeben, sie existieren auch in den Köpfen weiter, und man sollte nicht mit Nachdruck versuchen, sie zu verringern.

"Ärzte Zeitung": Findet zwischen der Homöopathie und der Schulmedizin heute eine Interaktion statt?

Jütte: Die Fronten zwischen der Homöopathie und der Schulmedizin sind zweifellos nicht mehr so verhärtet, wie sie es früher waren und wie es noch manchmal den Anschein haben mag. Es existieren auch Dialogforen, auf denen sich Homöopathen und Schulmediziner austauschen können.

Gerade wurde unter der Ägide des derzeitigen Präsidenten der Bundesärztekammer ein neues Dialogforum unter dem Motto "Pluralismus in der Medizin" ins Leben gerufen. Gewiß fällt es nicht leicht, diesen Dialog zu führen. Doch das Echo auf die bisherigen Zusammenkünfte war recht vielversprechend.

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