Ärzte Zeitung, 12.04.2005

Von Göttern, Helden und Heiligen in der Medizin

Kölner Medizinhistoriker geht der Terminologie nach

Ein Streifzug durch die Sprache der modernen Medizin kann selbst für Ärzte ganz schön karg, nervig und unverständlich sein - da wimmelt es nur so von Abkürzungen, Anglizismen und komplizierten Wortungetümen. Doch Medizinersprache ist auch amüsant, geistreich und unmittelbar verständlich, selbst für Fachfremde - da tummeln sich nämlich jede Menge Helden, Heilige und Götter in der medizinischen Terminologie.

    Die Tollkirsche ist nach einer Zeus-Tochter benannt.
   

So gibt es etwa den Adamsapfel, die Achillessehne oder den Ödipuskomplex: Von welchen sagenhaften Gestalten solche Begriffe abgeleitet wurden, wann und warum dies geschah und ob ihre exotischen Namen überhaupt terminologisch sinnvoll sind, klärt nun ein als heiter-gepflegte Unterhaltung für Medizinstudenten, Ärzte und Laien konzipiertes Buch von Axel Karenberg.

In der Götterwelt der griechischen Mythologie wurde der Professor am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Kölner Universität am meisten fündig. So verdankt etwa die oft letal wirkende Tollkirsche "Atropa belladonna" ihren Namen der zerstörerischen Zeus-Tochter Atropos; in der heutigen Pharmakologie spielt Atropin als Hemmstoff der synaptischen Übertragung im parasympathischen Nervensystem eine wichtige Rolle.

Atropos und viele andere Gestalten der griechischen Mythologie wie etwa Morpheus, Priapos, Pan oder Ödipus gelangten erst im 19. oder 20. Jahrhundert zu medizin-terminologischen Ehren. Einige von Heiligen abgeleitete Krankheitsbegriffe wie Antoniusfeuer und Veitstanz wurden sogar schon im christlichen Kulturkreis des Mittelalters geprägt.

Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts hatten dagegen die meisten literarischen Protagonisten ihren Erstauftritt in der Fachsprache. So wurde das nach dem Erz-Lügner benannte Münchhausen-Syndrom 1951 und das nach einer Romanfigur von Charles Dickens benannte Pickwick-Syndrom erst 1956 in die Medizin-Publizistik eingeführt.

Doch warum konnten sich überhaupt so viele Allegorien aus Legende und Literatur als Terminustyp entwickeln und teils über Jahrhunderte im Vokabular der Medizin festsetzen? Karenberg verweist in seiner gleichermaßen kenntnisreichen und unterhaltsamen Spurensuche auf Prägnanz und Kürze der mythologisch geprägten Fachbegriffe und auf ihre vorzügliche Eignung als "global players".

Und er erklärt: "Innerhalb der lateinisch geprägten Wissenskultur, die ungefähr vom 13. bis zum frühen 20. Jahrhundert herrschte, stellten medizinisch-mythologische Benennungen lupenreine Internationalismen dar." Klaus Brath

Axel Karenberg: "Amor, Äskulap & Co. Klassische Mythologie in der Sprache der modernen Medizin." Schattauer, Stuttgart. 216 Seiten mit 55 Abbildungen, 29,95 Euro. ISBN: 3794523431

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