Ärzte Zeitung, 18.04.2005

Albert Einstein - der Physiker gibt immer noch Rätsel auf

Ein Mensch voller Gegensätze: Genie, ungezogenes Kind, kaltherzig zu Frau und Kindern, entschiedener Kämpfer für Arme und Schwache

Physiker, Humanist, engagierter Jude: ein transparentes Foto von Albert Einstein in einer Frankfurter Ausstellung. Fotos: dpa

Von Gisela Ostwald

Voller Schalk: Albert Einstein im Jahre 1920 in Berlin, wo er von 1914 bis 1933 lebte.

18. April 1955: Ein halbes Jahrhundert nach Verkündung der speziellen Relativitätstheorie mit der "Formel aller Formeln", E = mc², stirbt der Physiker Albert Einstein in Princeton in den USA. Eine geplatzte Schlagader im Bauch läßt ihn im Alter von 76 Jahren innerlich verbluten.

Kurz darauf werden viele Spuren des berühmten Wissenschaftlers verwischt. Ein Pathologe an Princetons städtischem Klinikum bemächtigt sich seines Hirns und hält es über Jahrzehnte versteckt. Stieftochter Margot verstreut Einsteins Asche auf dessen Wunsch an einem geheimen Ort.

Nachlaßverwalter vernichten Briefe und Dokumente

Seine zwei Nachlaßverwalter, Freund Otto Nathan und die Sekretärin Helene Dukas, gehen in Einsteins Haus sowie in seinem Labor am Institute for Advanced Studies (IAS) alle Briefe und Dokumente durch und vernichten, was das Ansehen des Genies posthum beflecken könnte. So gibt Einsteins Leben der Nachwelt auch 50 Jahre nach seinem Tod noch Rätsel auf.

Erhalten bleiben Einsteins umwälzende Erkenntnisse, allen voran die Relativitäts- und die Quantentheorie, seine Korrespondenz als Jude, Linker, Pazifist und Querdenker sowie der schriftliche Gedankenaustausch mit namhaften Kollegen und Freunden.

Als Schwiegertochter Frieda einen Stapel früher Liebesbriefe entdeckt und als Buch herausgeben will, schieben ihr Einsteins Nachlaßverwalter per Gerichtsurteil einen Riegel vor. In anderen Prozessen aber unterliegen Nathan und Dukas und müssen hinnehmen, daß nach und nach auch Schattenseiten des Jahrhundertgenies ans Licht kommen.

Dutzende von Historikern und Autoren haben die Persönlichkeit des am 14. März 1879 in Ulm geborenen Physikers in mühsamer Detektivarbeit zu entschlüsseln versucht. Aus dem Familienkreis griffen Schwester Maja und der Schwiegersohn Rudolf Kayser zur Feder. "Den einen Freund, den anderen Feind, ein Narziß, der sein Äußeres vernachlässigt, Sonnyboy und Rebell, Menschenfreund und Autist, Weltbürger und Eremit...", folgert Jürgen Neffe in seiner erst im März bei Rowohlt erschienenen "Einstein"-Biographie.

Die Einstein-Detektive stoßen auch auf brisante Details eines bewegten Liebeslebens: So hatte Einstein außer den zwei ehelich geborenen Söhnen Hans Albert und Eduard auch eine Tochter von seiner späteren Frau Mileva. Lieserl starb früh oder wurde mit Rücksicht auf die Karriere des jungen Einsteins zur Adoption freigegeben, heißt es bei Neffe. Einstein soll zudem im fortgeschrittenem Alter noch einmal ein Kind gezeugt haben und zwar mit einer Tänzerin in New York. Angeblich hat Hans Albert die kleine Evelyn adoptiert, ohne ihre Herkunft je preis gegeben zu haben.

Einstein sah in Frauen keine gleichwertigen Partnerinnen

Überhaupt schätzt Einstein Frauen zwar als Geliebte, nicht aber als gleichwertige Partnerinnen. Einige Quellen lassen vermuten, daß er sich schon früh mit Syphilis infiziert hat und sein Leben lang unter ihren Folgen leidet. Seiner ersten Frau Mileva offenbart er sich mit einer Kaltherzigkeit, die schon an Brutalität grenzt.

Auch für andere Menschen, die ihm nahe stehen, vor allem seine Söhne, fehlt es ihm an Mitgefühl. Stattdessen setzt er sich entschieden für die Armen, Schwachen und Verfolgten ein.

Nur wenige von Einsteins Zeitgenossen sind noch am Leben und können ihn aus erster Hand beschreiben. Der Kunstprofessor Gillett Griffin, nach Auskunft von Princetons Historischer Gesellschaft der letzte noch verbliebene Freund Einsteins, schildert diesen als überaus bescheiden und voller Schalk.

Der "Popstar der Wissenschaft" hat das Rampenlicht gescheut

Auch nach Jahrzehnten als "Popstar der Wissenschaft" habe Einstein das Rampenlicht gescheut und Wichtigtuer verachtet, sagte Griffin im Gespräch mit der dpa.

Nach seiner Abkehr von Nazi-Deutschland lebt Einstein noch knapp 22 Jahre in dem amerikanischen Universitätsstädtchen unweit von New York, reist viel und läßt sich nach dem Tod seiner Kusine und zweiten Ehefrau Elsa von deren Tochter Margot versorgen.

Neffe faßt die Gegensätze Einsteins zusammen in dem Satz: "Ein Mann, Bürger und Bohemien, Übermensch und ungezogenes Kind in einem, der zwar Widersprüche zwischen Weltbildern aufheben konnte, selbst aber den Widerspruch personifiziert und seine Mitmenschen wie kein anderer polarisiert."

Blauer Einstein gegen roten Einstein - mathematisches Brettspiel

Passend zum Einstein-Jahr hat der Mathematiker Professor Ingo Althöfer von der Universität Jena das Brettspiel "EinStein würfelt nicht" erfunden. Der Name des Spiels geht auf das Zitat "Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der Alte nicht würfelt" aus einem Brief Albert Einsteins an Max Born von 1926 zurück. Das sehr schnelle Spiel für zwei Spieler hat einfache Regeln, die an Backgammon erinnern. Foto: dpa

Weitere Infos: Edition Perlhuhn "Spiel und Kunst", Am Goldgraben 22, 37073 Göttingen, Tel.: 0551/55110, Fax: 0551/55138, E-Mail: webmaster@perlhuhn.de, Internet: www.perlhuhn.de

 

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