Ärzte Zeitung, 02.05.2005

"Kunst ist Unsinn und - wie alles - nicht sinnlos"

Die Internationalen Tage Ingelheim sind in diesem Jahr dem Schweizer Künstler Jean Tinguely gewidmet / Hommage an einen fast Vergessenen

Hielt die Kunst(werke) und die Welt um ihn herum stets in Bewegung: der Schweizer Künstler Jean Tinguely. Foto: Ad Petersen

Von Pete Smith

Diesen bunten Brief schrieb und malte Tinguely 1974 an seinen Leibarzt Silvio Barandun. Fotos (2): VG Bild-Kunst, Bonn 2005

"Santana" ist der Titel dieser 1966 entworfenen Maschine aus Eisen, Holz und einem Elektromotor.

INGELHEIM. "Ich habe meine Beerdigung schon geplant. Die Landwehr wird dabei sein, ganz traurige Musik spielen und würdevoll die Grand-Rue in Fribourg heruntermarschieren. Und ich folge ihr - in meinem Sarg. Es wird schön sein." Als der Schweizer Künstler Jean Tinguely am 30. August 1991 nach einem Schlaganfall im Alter von 66 Jahren starb, wurde sein Begräbnis genau nach seinen Vorgaben inszeniert.

Nur daß die Beerdigung noch viel schöner war, als er es sich selbst vorgestellt hatte. 300 000 Menschen säumten die Straßen seiner Heimatstadt Fribourg, selbst der Bischof war zugegen, obwohl Tinguely aus der Kirche ausgetreten war. Das Ganze glich einem Staatsbegräbnis, und ein solches wird einem bildenden Künstler nur selten zuteil.

Ein Video über dieses Happening, denn dies war Tinguelys Begräbnis auch, ist in der gestern eröffneten Ausstellung "Tinguely in Ingelheim - das ABC einer wundersamen Welt" zu sehen. Die Hommage an einen heute nahezu vergessenen Künstler wird im Rahmen der 46. Internationalen Tage in Ingelheim am Rhein gezeigt.

Veranstalter ist der Arzneimittel-Hersteller Boehringer Ingelheim, Kuratorin Dr. Patrica Rochard. Zu sehen sind insgesamt 16 Maschinenskulpturen, etwa 50 Briefzeichnungen, Collagen und Grafiken sowie vier Skulpturen, die mit Tinguely befreundete Künstler geschaffen oder mit ihm zusammen entworfen haben.

Im Mittelpunkt stehen - mit ihnen ist Tinguely berühmt geworden - seine aus Schrott und Fundstücken konstruierten Maschinen, die sich bewegen und Krach machen - nicht mehr (aber auch nicht weniger). "Kunst ist Unsinn und - wie alles - nicht sinnlos", hat der 1925 in Fribourg geborene Künstler einmal gesagt und: "Definition ist sowieso provisorisch - und Chaos ist Ordnung."

Beide Zitate sind für Tinguely charakteristisch. Seine Kunst ist chaotisch, Unsinn im besten Sinne, er liebte das Happening, setzte auf das Werden genauso wie auf das Vergehen, etwa als er die Maschine "Hommage to New York" schuf, die sich, einmal in Gang gesetzt, vor den Augen der Zuschauer selbst zerstörte.

Einer der Leihgeber der Ausstellung ist Tinguelys früherer Vertrauensarzt Professor Silvio Barandun. Über ihn erzählte Patricia Rochard bei der Vorbesichtigung der Ausstellung eine Anekdote: Wenn Tinguely, seine erste Frau Eva Aeppli und Barandun zusammen aßen, saß in der Regel noch jemand am Tisch: eine von Aeppli entworfene Stoff-Figur, die stets zugegen war. Diese Puppe sowie bunt-gemalte Briefe des Künstlers an seinen Arzt sind ebenfalls in der Ausstellung zu sehen.

Auch Tinguelys zweiter Frau, der Künstlerin Niki de Saint Phalle, sind Exponate gewidmet. Etwa Entwürfe zu der von ihr und Tinguely gemeinsam konstruierten riesigen, begehbaren Nana. Ein Bein dieser Skulptur reservierte Tinguely damals extra für Liebespaare. Was diese nicht wußten: Ihr Liebesgeflüster wurde von versteckten Mikrophonen aufgezeichnet und in ein ebenfalls in der Skulptur gelegenes Café übertragen.

Kuratorin Patricia Rochard und ihre Mitstreiter haben - sowohl Tinguelys Spieltrieb als auch seinen bunten Sprachbildern folgend - ein ABC geschaffen, welches die Besucher durch die Ausstellung leitet. Wobei sie nicht bei A anfangen oder bei Z aufhören, denn das hätte dem Konzept-Chaoten Tinguely sicher mißfallen. Über eine andere Idee hätte er sich dagegen gefreut: Am 22. Mai, an dem Tinguely 80 Jahre alt geworden wäre, kostet der Eintritt zur Ingelheimer Ausstellung nur 80 Cent.

Die Ausstellung "Tinguely in Ingelheim" ist bis zum 3. Juli im Alten Rathaus Ingelheim (François-Lachenal-Platz 1, Tel. 0 61 32 / 4 04 60) zu sehen. Sie ist dienstags, mittwochs und freitags von 11 bis 19 Uhr, donnerstags von 11 bis 21 Uhr sowie samstags, sonntags und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 5 Euro, Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre zahlen nichts, Schüler (ab 17 Jahre), Studenten und Auszubildende 3 Euro. Über Führungen können sich Besucher unter Telefon 0 61 32 / 77-43 36 oder 77-20 75 informieren. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der für 23 Euro erworben werden kann. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.internationale-tage.de

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