Ärzte Zeitung, 24.05.2005

75 Jahre Deutsches Hygiene-Museum

Neue Ideen im alten Glanz / Das Haus ist ein Universalmuseum vom Menschen

DRESDEN (dpa). Der Dresdner Industrielle und Odol-Fabrikant Karl- August Lingner (1861 bis 1916) wäre zufrieden: Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden, das heute seit 75 Jahren ein eigenes Gebäude hat, knüpft im Jahre 2005 mit zeitgemäßen Mitteln an den innovativen Ansatz seiner Gründerjahre an.

Das geschnitzte Modell des menschlichen Ohres ist Teil der neuen Ständigen Ausstellung. Foto: dpa

Nach Zeiten der Kompromisse ist die Metamorphose vom Domizil der Gesundheitserziehung im Sozialismus zum Universalmuseum vom Menschen vollzogen. Parallel dazu hat das Haus architektonisch den puristischen Stil seines Erbauers Wilhelm Kreis (1873 bis 1955) zurückerhalten.

Museums-Gründer Lingner gehörte 1911 zu den Protagonisten der I. Internationalen Hygiene-Ausstellung. 1912 gründete er das Deutsche Hygiene-Museum, das aber erst mit der II. Internationalen Hygiene-Ausstellung 1930 ein passendes Domizil erhielt. Während der Weimarer Republik trug es mit verständlicher Präsentation auf neuem Stand der Wissenschaft zur Demokratisierung des Gesundheitswesens bei.

Nach 1933 stellten die Nationalsozialisten das volksaufklärerische Gedankengut der Einrichtung und ihre Vermittlungsmethoden in ihren Dienst. Das aktive Mitwirken an der rassehygienischen Propaganda gilt als finsterstes Kapitel der Geschichte des Hauses. Es soll mit der Übernahme der Schau "Deadly Medicine. Creating the Master Race" des Holocaust Memorial Museum Washington 2006 thematisiert werden.

Die Bomben auf Dresden im Februar 1945 vernichteten auch große Teile von Lingners Hygiene-Tempel und seiner wertvollen Bestände. In der DDR hatte es eine vergleichbare Aufgabe wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Westen. Nach der Wiedervereinigung erhielt es 1991 als "Museum vom Menschen" eine neue Konzeption. "Es steht für die klassische Moderne und als Sinnbild des 20. Jahrhunderts für den deutlichen Abstand zum barocken Selbstbild der Stadt", sagt Direktor Klaus Vogel.

Der umfassende Ansatz biete beste Chancen, zur internationalen Spitzengruppe der Wissenschaftsmuseen aufzurücken. Die seit Ende April komplette neue Dauerausstellung zeigt auf 2500 Quadratmetern erstmals eine große Auswahl von etwa 1400 Stücken der bedeutenden Sammlungen.

Das Museum beherbergt insgesamt mehr als 30 000 Objekte zur Geschichte von Gesundheitsaufklärung und -pflege. 2004 kamen etwa 220 000 Neugierige trotz Baustellencharme, 2005 hofft Vogel auf 250 000 Besucher. Nach dem absoluten Tiefpunkt von 80 000 Gästen 1990 stehe der Rekord bisher bei 225 000 im Jahr 2001.

Getragen wird das Haus von einer Stiftung. Bisher scheut sich der Bund vor einem Beitritt, engagiert sich aber seit Jahren finanziell. Eine bis 2007 vereinbarte Sponsoringpartnerschaft mit der Deutschen Krankenversicherung AG (DKV) in Köln erleichtert die inhaltliche Arbeit.

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