Ärzte Zeitung, 06.06.2005

HINTERGRUND

Theater mit Zuschauerbeteiligung und CME-Punkten - die etwas andere Fortbildung zum Thema Alzheimer

Von Thomas Meißner

Muß das wirklich sein? Ist es nötig, das Thema Demenz und Alzheimer auch noch abends im Theater abzuarbeiten? Obwohl, es gibt immerhin ein paar Fortbildungspunkte dafür. Kunst, CME-zertifiziert - das ist mal was ganz Neues. Um es vorwegzunehmen: Die Zuschauer waren fast durchweg begeistert davon, was die Züricher Theatergruppe "Knotenpunkt" ihnen im "Pariser Hoftheater" in Wiesbaden geboten hat.

Heim-Szene aus dem Stück "Rosa ist reif": Rosa (Karin Hoffsten, links) und Herr Ochsner (S¢ren Ehlers) vertragen sich nicht. Foto: Lundbeck

Bei "Rosa ist reif" wird auch viel gelacht

Die Schauspieler um Regisseur Guido Capecchi haben sich auf die Bearbeitung medizinischer Themen spezialisiert, etwa zum Umgang mit Depressionen oder eben mit Alzheimer-Demenz. Dabei geht es nicht vordergründig darum, Betroffenheit zu erzeugen. In Wiesbaden wurde bei "Rosa ist reif" viel gelacht und nachgedacht. Vor allem im zweiten Teil, der stets interaktiv, gemeinsam mit den Zuschauern gestaltet wird.

Rosa (Karin Hoffsten) hat eine beginnende Alzheimer-Demenz. Ihre Schwiegertochter Monika (Judith Niethammer) kümmert sich um sie und ist dem Burn-out nahe. Rosa muß ins Pflegeheim, meinen Sohn Ernst (S¢ren Ehlers) und seine Frau Monika. Rosa will nicht, ihre Tochter Brigitte (Agnes Krähenbühl) will das auch nicht. Es gibt Streit, gegenseitige Schuldzuweisungen zwischen den Geschwistern, die sich anders als Monika beide kaum um ihre Mutter kümmern. "Ich bin diese Schwiegertochter gewesen", wird eine Zuschauerin später sagen, die die Situationen gekannt hat. Auch die Probleme im Heim, die Überforderung des Personals, die Verhaltensweisen von Schwestern und Ärzten sind exakt beobachtet, wie andere bestätigen.

Die Sätze, die gesagt werden, sind authentisch und haben einen hohen Wiedererkennungseffekt. Die Situationskomik, das Lachen der Zuschauer bewirken, daß keine Figur unsympathisch wird. "Der Humor sorgt dafür, daß man die Emotionen an sich heranläßt", meint Sabine Passmann vom Unternehmen Lundbeck, das diese ungewöhnliche Fortbildungsveranstaltung unterstützt. Man wolle die Problematik von der Ebene nüchterner Fakten "auf die Bauchebene zurückholen", betont auch Capecchi.

Dies ist den Theaterleuten vor allem durch den interaktiven zweiten Teil der Aufführung gelungen. Moderatorin Franziska Zeller läßt die Schauspieler einzelne Szenen erneut anspielen. Die Szene kann per Zuruf von den Zuschauern gestoppt werden, wenn sie meinen, da müßte was anders laufen. Auf lockere Art wird die Situation analysiert. Ein Zuschauer macht etwa Vorschläge, wie sich Ernst verhalten sollte und übernimmt kurz dessen Rolle. Die Schauspieler müssen jetzt improvisieren, mimen ihren Part aber weiter. Das macht es sehr realistisch. Die Zuschauer spüren im improvisierten Spiel auf der Bühne, daß es gar nicht so einfach ist, bestimmte Vorstellungen in der Praxis umzusetzen. Zugleich offenbart das Ensemble exzellentes Detailwissen, wie einer der anwesenden Ärzte spontan lobt.

Anregung zum Nachdenken statt pauschaler Lösungen

Ziel des Abends ist keineswegs, pauschale Lösungen für die vielen Probleme, die mit der Alzheimer-Demenz verbunden sind, zu verkaufen. Man wolle provozieren, zum Nachdenken anregen, so Capecchi. Gerade die Behandlung des Themas auf emotionaler Ebene und die Wiederholung der Szenen sorgten dafür, daß das Erlebte beim Zuschauer nachhaltig haften bleibt.

Die Fakten zu Morbus Alzheimer kommen an dem Abend freilich auch nicht zu kurz. Der Neurologe Dr. Stefan Ries aus Erbach hat zu Beginn der Veranstaltung das Wichtigste zu Epidemiologie, Diagnostik und Therapie zusammengefaßt, ebenfalls eher im Stile eines Conférenciers anstatt eines trockenen Referenten. Knappes Fazit einer Teilnehmerin am Ende des Abends: "Das war toll!"

Wo das interaktive Theater noch gastiert

Die Fortbildungsveranstaltung mit der Schweizer Theatergruppe "Knotenpunkt" wird mit drei bis fünf CME-Punkten zertifiziert (je nach LÄK). Sie findet in dieser Woche noch viermal statt:

  • 7. Juni: Hannover, cavallo Reithalle, Dragonerstraße 34
  • 8. Juni: Kassel, Konzertscheune Calden, Meimbresser Straße 10
  • 9. Juni: Dresden, Studiotheater im Kulturpalast, Schloßstraße 2
  • 10. Juni: Berlin-Kreuzberg, BKA Theater, Mehringdamm 34

Die Veranstaltungen dauern von 19 Uhr bis gegen 22 Uhr. Interessenten melden sich bei: Sabine Latzel, Lundbeck GmbH, Tel.: 040 / 23 649-120

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Künstliche Herzklappe raubt oft den Schlaf

Fast ein Viertel aller Patienten mit einer mechanischen Herzklappe klagt über Schlafstörungen. Die Ursache hat eine einfache Erklärung. mehr »

Das sind die Wünsche an die neue Weiterbildung

Am Freitag steht die Musterweiterbildungsordnung auf der Agenda des Deutschen Ärztetags. Wir haben dazu drei junge Ärzte und den BÄK-Beauftragen Bartmann befragt. mehr »

"Sportlich, unrealistisch, überkommen"

Am Donnerstagnachmittag debattiert der Deutsche Ärztetag über die GOÄ-Novellierung. Unsere Video-Reporter haben sich vorab dazu umgehört. mehr »