Ärzte Zeitung, 01.08.2005

Frontale Lobotomie, eine Methode, die das Leben vieler Patienten zerstört hat

Neues Buch in den USA: "The Lobotomist" / Prominentestes Opfer: Rosemary Kennedy

Von Ronald D. Gerste

 

Der Lobotomist: Wie ein Showstar warb der Neurologe Walter J. Freeman für die Operation, die psychische Kranke heilen sollte.

 

Als im Januar dieses Jahres Rosemary Kennedy, die jüngere Schwester des ehemaligen Präsidenten John F. Kennedy, in einem Pflegeheim in Wisconsin starb, wurde die US-amerikanische Öffentlichkeit auf eine medizinische Prozedur aufmerksam, die einst begeisterte Fürsprecher fand und das Leben der damals jungen Frau und vieler anderer Patienten zerstörte: die frontale Lobotomie.

Jetzt sorgt eine Buchveröffentlichung in den USA für Aufsehen, denn sie zeigt, wie ungehindert der verstümmelnde Eingriff an Tausenden durchgezogen werden konnte.

Verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit ließ Joseph Kennedy, schwerreicher Finanzier, Politiker und Botschafter der USA in Großbritannien, im Herbst 1941 an seiner 23jährigen Tochter Rosemary eine präfrontale Lobotomie machen.

Der Eingriff, der unter manchen Neurochirurgen der Epoche als großartige Innovation in der Therapie von Patienten mit Depression, Schizophrenie und anderen seelischen Erkrankungen galt, ließ die junge Frau, die leichte Lernstörungen aufgewiesen hatte, mit dem Intellekt eines Kleinkindes zurück. Die ihr verbliebenen 64 Lebensjahre verbrachte sie in Pflegeheimen. Vielen anderen Lobotomie-Patienten erging es nicht besser.

Der Erfinder der Lobotomie bekam 1949 den Nobelpreis

 
  Nach der Op auf dem Stand eines Kleinkindes: Rosemary Kennedy im Kreis ihrer Familie (vorne links Vater Joseph).

Ein jetzt erschienenes Buch des Journalisten Jack El-Hai ("The Lobotomist: A Maverick Medical Genius and His Tragic Quest to Rid the World of Mental Illness") zeigt auf, mit welchem PR-Geschick der wichtigste Propagator der Methode, der Neurologe Walter J. Freeman, über Jahrzehnte agieren konnte - und daß weder der Staat noch ärztliche Standesorganisationen seinem Treiben Einhalt geboten.

Als Erfinder der präfrontalen Lobotomie gilt der Portugiese Egas Moniz. Er vertrat die These, daß man mit der Durchtrennung von Nerven, die vom Stirnlappen zum Zentrum des Gehirns verlaufen, seelische Krankheiten heilen könne. Moniz wurde für diese "Innovation" 1949 der Nobelpreis verliehen - Nachfahren von lobotomierten Patienten setzen sich heute dafür ein, daß ihm dieser posthum wieder aberkannt wird. Nirgendwo fiel der Gedanke auf so fruchtbaren Boden wie in den USA.

Walter J. Freeman, Neurologe an der George Washington University in der Hauptstadt, stellte 1937 auf der Tagung der "American Medical Association" seine Erfahrungen an den ersten 20 Patienten vor und sang das Hohelied der Befreiung der Operierten aus überbelegten, schlecht beleumundeten Nervenheilanstalten. Zwar standen Kollegen auf und beschimpften die Methode als barbarisch, das Skalpell entwand ihm jedoch niemand.

Er machte in den nächsten drei Jahrzehnten mehr als 3500 Lobotomien; um Patienten und für die Methode warb er mit dem Auftreten eines Showstars. Er entwickelte die transorbitale Lobotomie, die uns heute besonders bestialisch erscheint: Der Operateur ging mit einem an einen Eispickel erinnernden Instrument oberhalb des Bulbus in die Orbita ein, durchstach die Dura und vollführte dann mit dem Gerät im Lobus frontalis ruckartige, das Gewebe zerreißende Bewegungen.

Freeman und andere von der Lobotomie überzeugte Neurochirurgen verwiesen - ohne je eine kontrollierte Studie vorzustellen - auf die "Erfolge": Viele der vorher in den Anstalten äußerst unruhigen Patienten wurde postoperativ apathisch, geradezu pflegeleicht. Freemans Werbeslogan: "Lobotomie bringt sie nach Hause".

Die psychiatrischen Fachverbände widersprachen, wenn überhaupt, dann nur sehr leise - zu groß war die Zahl der Patienten, die nach Ende des viele Soldaten psychisch traumatisierenden Zweiten Weltkrieges in die Heilanstalten drängten.

1967 wurde Freeman die Lizenz zum Operieren entzogen

Freeman scheute auch dunkle Umstände für sein Treiben nicht: einmal, im Jahr 1950, soll er nach El-Hais Recherche eine transorbitale Lobotomie in einem Motelzimmer gemacht haben, während Polizisten den sich sträubenden Patienten festhielten. Erst nach dem Tod einer Patientin bei der dritten Operation 1967 wurde ihm die Lizenz zur operativen Tätigkeit entzogen. Freeman starb 1972, ohne etwas bereut zu haben.

Zu diesem Zeitpunkt lebte Rosemary Kennedy, das prominenteste Opfer des Lobotomie-Wahns, bereits seit mehr als 30 Jahren von der Öffentlichkeit abgeschirmt in einem Pflegeheim. Auch sie wurde, wie so viele Patienten, weder von ihrem Vater noch von den von diesem ausgesuchten Ärzten nach ihrem Einverständnis gefragt.

Die Lobotomie gilt heute als obsolet, für ihre (vermeintlichen) Indikationen werden Psychopharmaka oder stereotaktische Operationen wie die Thalatomie eingesetzt. In Deutschland war das Verfahren nie wirklich etabliert, sehr im Gegensatz zu den liberalen Demokratien des europäischen Nordens wie Schweden oder Norwegen, wo es noch bis in die Fünfziger Jahre verschiedentlich zwangsweise an dem sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat unerwünschten Randgruppen wie Homosexuellen oder - in Norwegen - Frauen angewandt wurde, die mit deutschen Besatzungssoldaten Affären, vielleicht gar Kinder, gehabt hatten.

Dr. Ronald D. Gerste, Augenarzt und Historiker, ist Autor des gerade im Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, erschienen Buchs "Amerikanische Dynastien" (ISBN 3-7917-1948-3). Im Kapitel über die Kennedys erzählt er auch die Geschichte der Lobotomie von Rosemary Kennedy.

Jack El-Hai: "The Lobotomist: A Maverick Medical Genius and His Tragic Quest to Rid the World of Mental Illness". Wiley, New York. 27,95 Dollar. ISBN: 0471232920.

|
[26.12.2012, 20:53:05]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Jack the Brainlasher"
Einer meiner klinischen Ausbilder, Prof. Dr. med. Volkmar Sigusch, beschreibt in seinem Buch "Sexuelle Störungen und ihre Behandlung", Georg Thieme Verlag 2006, auf S. 326 ff. die dramatischen Folgen dieser unfassbar menschenverachtenden Psychochirurgie: "Jack the Brainlasher" (Jack der Gehitnschlitzer) wurde der berüchtigte Walter J. Freeman, Neurologe an der George Washington University der US-Hauptstadt, nicht nur hinter vorgehaltener Hand genannt. Die OP-Risiken und Sekundärschädigungen durch seine brachialen Eingriffe waren so extrem, dass die Mehrheit der betroffenen Patienten reine Pflegefälle wurden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Top-Meldungen

Gefährlich für Herz und Hirn

Soziale Isolierung und Einsamkeit können offenbar die Wahrscheinlichkeit erhöhen, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. mehr »

Kinder als Schutzfaktor gegen Stress

Kinder halten gesund - das legt der aktuelle TK-Gesundheitsreport nahe. Dennoch nehmen psychische Erkrankungen bei den 30- bis 44-Jährigen zu. mehr »

"Doktorarbeiten - oft eine Farce"

Solveig Mosthaf will Ärztin werden und gerne den Doktortitel mit Stolz führen. Doch die Medizinstudentin findet: Doktorarbeiten werden "fast schon inflationär" geschrieben. Warum allzu oft die motivierte Idee zur Farce verkommt, erläutert sie in ihrem Gastbeitrag für die "Ärzte Zeitung". mehr »