Ärzte Zeitung, 23.09.2005

Deutsche Ärzte in den Armenvierteln Kalkuttas

Der Fotograf Sigi W. Schulz hat sechs "German Doctors" begleitet / Ausstellung im Mannheimer Goethe-Institut

Der deutsche Arzt und sein indischer Patient - zwei Welten, die bis dato kaum Berührungspunkte hatten. Fotos: Sigi W. Schulz

Von Swanett Koops

Menschen zu fotografieren, die leiden, ist schwierig: Um dem Betrachter das Leid zu vermitteln, muß der Fotograf dicht genug ran, ohne aber dabei die Menschen zu sehr zu bedrängen und nur für den Effekt auszubeuten.

Sigi W. Schulz, Fotograf aus Paris, hat hier den richtigen Mittelweg gefunden, wie bei der Ausstellung "Die Arbeit der German Doctors in Kalkutta", die bis zum 28. Oktober im Mannheimer Goethe-Institut zu sehen ist, deutlich wird.

Mit einfachsten Mitteln kann der Arzt dem Patienten helfen

Das Hemd, das zum Abhören der Lunge nach oben geschoben wird, ist zerrissen, der Blick entkräftet und abwesend zur Seite gerichtet. Der Mensch, den der Arzt behandelt, hat eigentlich andere Sorgen, als sich um seinen Husten zu kümmern. Jeden Tag aufs Neue ist er damit beschäftigt, etwas Nahrung aufzutreiben, um nicht zu verhungern.

Röntgenbilder werden am offenen Fenster betrachtet - anders als daheim haben die deutschen Ärzte in den Armenvierteln von Kalkutta dafür keinen Leuchtschirm.

Und auch der Arzt ist eigentlich anderes gewöhnt: Normalerweise steht ihm zum Betrachten eines Röntgenbildes ein Leuchtschirm und nicht nur eine schummrige Fensteröffnung zur Verfügung. Und daß er einmal seinen Patienten mit solch einfachen Mitteln in ärmlichster Umgebung wirklich helfen kann, hätte er wahrscheinlich auch nicht gedacht.

Solch ein Szenario entsteht im Kopf, wenn man sich die Schwarz-Weiß-Fotografien von Sigi W. Schulz anschaut. Denn die Bilder der dunkelhäutigen, kranken Menschen in ihrer verarmten Umgebung oder bei der Behandlung durch die weißen Ärzte vermitteln solch eine reale Stimmung, daß der Betrachter schon fast das Gefühl hat, selbst im Behandlungsraum mit den fleckigen Wänden dabei zu sein.

Abwesender Blick: Der Patient, den die deutsche Ärztin befragt, hat eigentlich andere Sorgen - jeden Tag aufs Neue kämpft er gegen den Hunger.

Entstanden sind die Fotos vor zwei Jahren, als Schulz sechs deutsche Ärzte begleitet hat, die für die Organisation Ärzte für die Dritte Welt den Armen der Ärmsten in den Slums von Kalkutta medizinische Hilfe leisteten.

Weltweit 2000 Ärzte sind für die Organisation im Einsatz

Die 1983 gegründete Organisation betreibt weltweit Projekte, in denen inzwischen über 2000 Ärzte im Einsatz sind. Die Ärzte arbeiten unentgeltlich, tragen die Hälfte der Flugkosten selbst und müssen nicht selten ihren Jahresurlaub für den sechswöchigen Hilfseinsatz opfern. Dabei helfen die Ärzte bewußt nicht in Kriegs- oder Katastrophengebieten. "Wir arbeiten dort, wo die Krisen chronisch sind", sagt Dr. Harald Kischlat, stellvertretender Geschäftsführer der Organisation.

Und das geht in solchen Projekten sehr effektiv. Denn, so Kischlat: "Viele Mediziner sind bereit, sich zu engagieren, was sich dann aber nur schwer realisieren läßt". Die Ärzte für die Dritte Welt arbeiten in ihren Projekten mit ansässigen Hilfsorganisationen zusammen, wodurch logistische Probleme wie die Bereitstellung von Behandlungsräumen oder der Transport von Medikamenten oder auch die Verständigung mit den Patienten erheblich erleichtert wird.

Am häufigsten haben es die Ärzte mit Infektionen der Haut und der oberen Luftwege oder mit Verletzungen zu tun. "Dabei ist es wichtig, schnell zu entscheiden: Hat die Diagnostik jetzt auch eine therapeutische Konsequenz?", berichtet Dr. Josef Thul, Kinderarzt aus Gießen, der schon zweimal für die Ärzte für die Dritte Welt im Einsatz war.

So können etwa Patienten mit Bluthochdruck, Asthma oder Diabetes gut versorgt werden, indem sie Medikamente und die Anweisung erhalten, sich in drei Wochen wieder in der provisorischen Praxis - den Ärzten stehen für Untersuchung und Behandlung Räume in Schulen oder anderen öffentlichen Gebäuden zur Verfügung - vorzustellen. Bei Patienten mit einer Tumorerkrankung können die Ärzte hier hingegen wenig machen.

"Sprache ist nicht so wichtig, die Schmerzen sind die gleichen"

"Als Mediziner kann man sehr gut sehr schnell helfen. Dabei ist die Sprache nicht so wichtig, Schmerzen sind überall die gleichen", sagt Harald Kischlat. Natürlich könnten er und seine Kollegen die Situation der Ärmsten in den Slums nicht grundlegend ändern, aber: "Jeder einzelne zählt!"

Und diese Hilfe im Kleinen, die die "German Doctors", wie Schulz die Ärzte im Einsatz nennt, leisten, gerade die wird durch die Fotos hautnah vermittelt - ein kleiner, aber überzeugender Ausschnitt aus der selbstlosen Hilfsbereitschaft, die Ärzte leisten können.

Die Ausstellung "Die Arbeit der German Doctors in Kalkutta" ist noch bis zum 28. Oktober im Goethe-Institut Mannheim-Heidelberg, Steubenstraße 44, 68163 Mannheim zu sehen. Und zwar Montag bis Freitag von 9 bis 16 Uhr sowie am Samstag von 10 bis 14 Uhr.

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