Ärzte Zeitung, 22.11.2005

"Sprechstunde bei Dr. Sommer: Was dich bewegt..."

Im Hildener Wilhelm-Fabry-Museum ist aus Anlaß des 50. Geburtstags der "Bravo" derzeit eine Ausstellung über das Jugendmagazin zu sehen

Verhütungsmittel und Informationsmaterialien - Exponate der "Bravo"-Ausstellung im Wilhelm-Fabry-Museum. Foto: akr

Von Anja Krüger

Ein bemerkenswertes Zeugnis stellt die Universität Köln der Jugendzeitschrift "Bravo" aus: Ausgerechnet das von Starkult und Rollenklischees lebende Magazin soll nach Auffassung der Historikerin Wiebke Nieland Wegbereiter der Frauenbewegung gewesen sein.

Für Generationen von Teenies Aufklärungsblatt Nummer eins: die "Bravo", hier das aktuelle Heft.

Darüber kann der berühmt-berüchtigte Bravo-Sexualaufklärer Dr. Sommer nur schmunzeln. "Wenn das so war, dann sicher unfreiwillig", sagt der Arzt Dr. Martin Goldstein. Unter den Pseudonymen "Dr. Jochen Sommer" und "Dr. Alexander Korff" hat der heute 78jährige Arzt und Psychoanalytiker weite Teile der "Bravo"-Geschichte mitgeschrieben.

Am 26. August 1956 erschienen die ersten 64 000 Exemplare der "Bravo", das Heft für 50 Pfennig. Aus Anlaß des runden Geburtstags im kommenden Jahr ist bis zum 29. Januar im Hildener Wilhelm-Fabry-Museum die Ausstellung "Bravo wird 50!" zu sehen.

Das Magazin habe von Anfang an verschiedene Konzepte von Weiblichkeit vorgestellt, meint Historikerin Nieland. Frauen seien nicht nur in ihrer traditionellen Rolle als Mutter und Ehefrau, sondern auch als selbstbewußt und geschäftstüchtig dargestellt worden - wie die 1959 in Hosen abgebildete Caterina Valente.

Erfolg durch Starschnitte und die Ratschläge von Dr. Sommer

Doch für den kommerziellen Erfolg dürfte etwas anderes entscheidend gewesen sein: Starschnitte und Dr. Sommers Ratschläge machten die Zeitschrift über Jahrzehnte bei Jugendlichen populär.

Dabei war die durch und durch unpolitische Jugendzeitschrift auch für Überraschungen gut. 1957 etwa bildete sie auf dem Titel den populären Schauspieler Heinz Rühmann mit Hitler-Bärtchen ab und fragte in Anspielung auf die "Parteigenossen" genannten Mitglieder der NSDAP: "Nur ein kleiner Pg?"

Die aktuelle Schau im Wilhelm-Fabry-Museum soll einen Einblick in die Veränderung der Jugendkultur in den vergangenen Jahrzehnten geben. Präsentiert werden die unvermeidliche Vespa für die 50er Jahre, ein lebensgroßer Elvis aus Pappe und ein typisches Jugendzimmer aus den 90er Jahren, in dem über dem roten Sofa ein Poster des Sängers Robbie Williams hängt.

Autogrammkarten berühmter Filmstars oder Sänger von Hans Albers und Heinz Rühmann bis zu Elton John und Nena sind ebenso zu besichtigen wie Schallplatten von den Beatles oder den Rolling Stones.

"Bitte teilen Sie mir mit, ob’s Krieg gibt"

Neben dem Starkult hat auch die Sexualaufklärung einen festen Platz in der Hildener Ausstellung. In Vitrinen liegen Verhütungsmittel, beispielsweise die erste 1961 in Europa auf den Markt gekommene Anti-Baby-Pille Anovlar 21.

Zu sehen sind auch Briefe, die ratsuchende Jugendliche an Dr. Sommer geschrieben haben. In der Rubrik "Sprechstunde bei Dr. Jochen Sommer: Was Dich bewegt..." hat Goldstein zwischen 1969 und 1984 Fragen von Teenagern zu Sexualität, Konflikten mit Eltern und aktuellen Themen beantwortet. So hat ein 13jähriges Mädchen aus dem Saarland die Mutter einer Nachbarin sagen hören, die Russen würden bald einmarschieren: "Bitte teilen Sie mir mit, ob es Krieg gibt oder nicht."

Ein anderes Mädchen, das zwölf Jahre alt ist, will mit seinem 15jährigen Freund schlafen und hat versucht, in der Apotheke Verhütungsmittel zu kaufen. "Sie gaben mir aber keine, weil ich noch so jung aussehe", berichtet sie.

Typisch war auch schon die erste Veröffentlichung der Rubrik "Sprechstunde bei Dr. Jochen Sommer". Darin suchte die 17jährige Silvia Rat, die sich nach langem Zögern ihrem 18jährigen Freund "hingeben" wollte, aber er war nicht dazu imstande, sich mit ihr zu vereinigen. "Er leidet an innerer Unsicherheit", beruhigte sie Dr. Sommer. "Vielleicht können Sie ihm durch Zärtlichkeit (Petting) die Unsicherheit nehmen."

Zu Goldsteins Zeiten erhielt die "Bravo"-Redaktion pro Woche 3000 bis 5000 Briefe an Dr. Sommer. Er ließ sich von der Redaktion jede Woche etwa 100 Briefe schicken und wählte einige für die Veröffentlichung aus. Die Antworten schrieb er selbst, beriet sich dabei aber mit einem Team aus Psychologen, Pädagogen und Sozialarbeitern.

Jungen finden ihre Hoden zu klein, Mädchen ihre Brüste

Jeder Absender erhielt eine Antwort, betont Goldstein. "Wir haben etwa 150 Formbriefe entwickelt, denn viele Probleme kehrten immer wieder", sagt er. Häufig fürchteten Jungen eine Krankheit, weil ihre Hoden nicht gleich groß waren, und Mädchen sorgten sich um die Entwicklung ihrer Brüste.

Bei gravierenden Vorkommnissen, etwa sexueller Mißhandlung, schrieben die Mitarbeiter individuelle Briefe mit der Bitte, daß der Absender eine Beratungsstelle aufsuche. Anschrift und Telefonnummer schickten sie gleich mit. Neben Dr. Sommer entwickelte Goldstein unter dem Pseudonym Dr. Korff eine Aufklärungsreihe, die ab 1971 lief. Hier ging es um Themen wie Onanie oder das Erste Mal.

Seit einigen Jahren geht es mit "Bravo" bergab

In den 70er, 80er und 90er Jahren konnte "Bravo" Auflagen von weit über einer Million erreichen. Doch seit einigen Jahren geht es bergab. Im zweiten Quartal 2005 erreichte die Jugendzeitschrift mit 454 302 verkauften Exemplaren nicht einmal den Stand von 1960.

Zum Jubiläum hat das Archiv der Jugendkulturen den Sammelband "50 Jahre Bravo" herausgegeben, der Themen wie "Drogen in der Bravo" und "Was Dr. Sommer bewegt" behandelt. Er kostet 28 Euro (ISBN 3-86546-036-4).

Wilhelm-Fabry-Museum, Benrather Straße 32a, 40721 Hilden. Infos im Internet: www.wilhelm-fabry-museum.de

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