Ärzte Zeitung, 16.12.2005

Dritte Diagnose Krebs - "Sie tat, was sie immer getan hatte: Sie kämpfte"

Susan Sontags Sohn erzählt in der "New York Times" vom Sterben seiner Mutter

Von Gisela Ostwald

US-Schriftstellerin Susan Sontag bei der Friedenspreis-Verleihung des Deutschen Buchhandels im Oktober 2003. Gut ein Jahr später starb sie an Krebs. Foto: dpa

Zwei Mal hatte Susan Sontag den Krebs besiegt. Der erste, ein Brusttumor, war weit fortgeschritten und hatte mehr als ein Dutzend Lymphknoten befallen. Damals war die US-Schriftstellerin gerade 42. Als im Alter von 71 Jahren ein drittes Mal Krebs bei ihr festgestellt wurde, war sie nach einer Schilderung ihres Sohnes fest davon überzeugt, auch ihn schlagen zu können.

"Sie tat, was sie immer getan hatte", erinnert sich David Rieff (53): "Sie kämpfte". Knapp ein Jahr nach Susan Sontags Tod beschrieb Rieff jetzt im "New York Times Magazine" das erbitterte Ringen der Mutter um ihr Leben.

Sontag war weltweit, außer unter den Rechten im eigenen Land, als eine der intelligentesten und vielseitigsten Frauen des Jahrhunderts geschätzt - eine Meisterin der Provokation. Der Deutsche Buchhandel verlieh ihr im Oktober 2003 in der Frankfurter Paulskirche seinen renommierten Friedenspreis. Ein halbes Jahr später erhielt sie die Diagnose eines Myelodysplastischen Syndroms (MDS) und damit praktisch ihr Todesurteil.

Doch Sontag ließ sich nicht einschüchtern. Nach dem Schock war sie mit Informationen aus dem Internet gewappnet und glaubte fest, auch diese Herausforderung meistern zu können. Sie kehrte an ihren Schreibtisch hoch über dem New Yorker Hudson River zurück, schrieb ein leidenschaftliches Essay über die Fotos von gefolterten Gefangenen in Abu Ghraib und brachte Ideen für ihren nächsten Roman zu Papier.

Gleichzeitig rüstete sich Sontag für eine Knochenmarktransplantation, ihre einzige Chance zu überleben. Die Kosten von umgerechnet gut 250 000 Euro brachte sie selbst auf. Ihre Krankenkasse weigerte sich einzuspringen - wegen der geringen Erfolgschancen. Dann kam jener schreckliche Morgen, als Sontag die Nachricht bekam, daß die Transplantation nichts gebracht hatte. "Aber das heißt, daß ich sterben muß!", schrie sie nach Worten ihres Sohnes völlig überrascht auf.

Selbst danach verlangte die "einzigartige und mutige Frau", wie ihre kanadische Schriftstellerkollegin Margaret Atwood Sontag pries, nach jedem Mittel, das auch nur einen Funken Hoffnung verhieß. "Ich bin nicht an Lebensqualität interessiert", hielt sie ihren Ärzten entgegen.

"Meine Mutter war entschlossen zu leben, ganz gleich wie schrecklich sie dafür leiden mußte", erinnert sich Rieff. Doch die Rettung blieb aus. Am 28. Dezember 2004 schlief Susan Sontag in einem New Yorker Krankenhaus ein. Ihr Sohn und ein vertrauter Arzt waren an ihrer Seite.

"Die Vorstellung von einem sanften, einfachen Tod (...) ist Teil einer Mythologie über Krankheiten, die nicht erbärmlich, demütigend oder schmerzlich sind", hatte Sontag 15 Jahre zuvor in "Aids and its Metaphors" geschrieben. Der Band ist einer von 17 Büchern, die sie in ihrer fast 50jährigen Karriere verfaßte. Dazu erschienen von ihr viele literaturwissenschaftliche und politische Essays, Kurzgeschichten, Drehbücher und Bühnenwerke. Unter ihrer Regie entstanden vier Filme.

Ihr Sohn David stammt aus einer frühen Ehe mit dem Soziologen Philip Rieff, die ebenso früh wieder geschieden wurde. Sontag heiratete danach nicht mehr, lebte aber unter anderen mit der New Yorker Fotografin Annie Leibowitz zusammen. In einem Interview sagte sie einmal freimütig, sie habe neun Mal geliebt: fünf Frauen und vier Männer.

David Rieff (53) trat schon bald nach dem Studium in die Fußstapfen seiner Mutter. Er ist Schriftsteller, Kritiker und Journalist und reist seit Jahren durch die schlimmsten Krisen- und Kriegsgebiete der Welt - Ruanda, Balkan, Afghanistan und Irak. Wie einst die Mutter nimmt Rieff heute als Kommentator für die "New York Times" und andere renommierte Blätter Stellung zu politischen Entwicklungen in aller Welt. (dpa)

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