Ärzte Zeitung, 27.01.2006

Warum starb Mozart so früh? Nierenkrankheit, Lues, Mord?

250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart / Nach neuen Forschungen spricht einiges für eine Quecksilber-Intoxikation

Von Friedrich Hofmann

Viele Legenden ranken sich um seinen Tod: Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791). Abbildung: dpa

Nun schreiben sie wieder: Über "Mozart, das Genie", über "Mozart, den Popstar", über "Mozart, das himmlische Kind" - denn heute ist der 250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart. Ein besonders interessantes Thema ist Mozarts Tod.

Denn darum ranken sich viele Legenden. Daß dabei natürlich einige chronische Erkrankungen diskutiert werden, ist nur allzu verständlich. Denn schließlich hatte der im Dezember 1791 gestorbene Komponist noch nicht einmal sein 36. Lebensjahr vollendet.

Keine Hinweise auf chronische Krankheiten in der Anamnese

Mozarts Biograph Aloys Greither notiert 1958 zu diesem Themenkomplex: "Es ist nicht länger zweifelhaft, daß Mozart an einer Nierenkrankheit starb. Sie hatte wohl chronischen Charakter und ließe sich als Folge häufiger, zum Teil unausgeheilter Infekte seiner auf Konzertreisen verbrachten Jugendjahre zwanglos erklären."

Dabei hätte man es eigentlich bewenden lassen können - wenn nicht Milos Formans weltberühmter Film "Amadeus" dazwischen gekommen wäre, wenn nicht immer wieder Mordspekulationen aufgetaucht wären - ja, und wenn sich nicht einige Mediziner mit dem Thema beschäftigt hätten. Zu nennen sind hier Franz Hermann Franken, in Wuppertal und Freiburg tätiger Internist, sein Mainzer Kollege Dieter Kerner und der Schweizer Otorhinolaryngologe Gerhard Böhme.

Wer Mozart ermordet haben soll

Antonio Salieri, Hofkapellmeister des Kaisers
Franz Hofdemel, Wiener Hofkanzlist
Gottfried van Swieten, Leiter der Wiener Studienhofkommission
Drs Closset und Sallaba, Mozarts behandelnde Ärzte
Franz Xaver Süssmayer, Mozarts Schüler, potentieller Liebhaber Constanze Mozarts, möglicher Vater von Mozarts letztem Sohn
Freimaurer - Fememord

Nach ihren Recherchen liest sich Mozarts Anamnese in etwa so: Mit sechs, sieben und acht Jahren Katarrh, Erythema nodosum und starke Gelenkbeschwerden, mit neun Jahren Typhus abdominalis, im darauffolgenden Jahr erneuter Katarrh und Gelenkbeschwerden, mit elf Pocken, mit 14 Kälteschäden der Hände, Katarrh, Zahnschmerzen, Schläfrigkeit, dies erneut mit 15 und 18 Jahren, mit 22 grippaler Infekt, mit 24 Katarrh, mit 27 Grippe, mit 28 Koliken nach Erkältung, mit 34 "Rheumatische" Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, Schlaflosigkeit, mit 35 "letzte Erkrankung" und Tod. Eine damals übliche Krankengeschichte also und mitnichten Hinweise auf ein chronisches Leiden als Ursache für den frühen Tod.

Bleibt also die Frage: Woran ist Mozart tatsächlich gestorben? Wenn wir an Milos Formans Film und den sinistren Komponistenkollegen und Rivalen Salieri denken, liegt natürlich auch ein Mord im Bereich des Möglichen: Salieri, der im Endstadium der Lues, als er in eine psychiatrische Einrichtung gebracht worden war, von sich behauptete, Mozart vergiftet zu haben, ist nicht nur ein tragischer, sondern auch ein mehr als fragwürdiger Zeuge. Und auch bei den anderen in Frage kommenden Mördern findet sich kein eindeutiges Motiv - und ein Motiv gehört nun einmal zu einem anständigen Mord.

Einen ganz neuartigen Ansatz hat kürzlich der an der Universität zu Köln tätige Mathematiker und Statistiker Ludwig Köppen verfolgt ("Mozarts Tod", Ludwig-Köppen-Verlag). Er hat auf streng wissenschaftlicher Basis und ganz unvoreingenommen wesentliche Fragen zu Mozarts Tod gestellt und sie zu beantworten versucht. Merkwürdig erschienen sind ihm dabei etwa

  • die nicht erfolgte Krankenhauseinweisung (obwohl einer der behandelnden Ärzte Chefarzt eines Krankenhauses war)
  • die Diagnose des "hitzigen Frieselfiebers" als Todesursache (was eigentlich den öffentlichen Gesundheitsdienst auf den Plan hätte rufen müssen). Die Frieseln - so weiß es der Brockhaus - sind nach heutiger Lesart ein harmloser Hautausschlag mit hirsekorn-großen, wasserhellen oder weißlichen Bläschen, die roten Frieseln, auch "roter Hund" genannt, treten vor allem bei fehlender Schweißabsonderung in den Tropen auf. Zu Mozarts Zeiten verstand man darunter wohl exanthematische Infektionskrankheiten.
  • das überhastete Organisieren der Beerdigungsformalitäten durch Gottfried van Swieten, der wenige Stunden später seines Amts enthoben wird,
  • die schnelle Beerdigung 3. Klasse, wie sie damals üblich war und die übrigens nicht einem "Armenbegräbnis" entspricht, wie auch heute noch immer wieder kolportiert wird,
  • die Verweigerung jeglicher kirchlicher Seelsorge, obwohl Mozart selbst als Organist für die Kirche tätig war,
  • die fehlende Hilfe der Freimaurer, für die Mozart viel getan und komponiert hat und deren Gedenkrede erst ein halbes Jahr nach Mozarts Tod bei einer Freimaurerzerenomie auf dem Programm stand,
  • die Unauffindbarkeit des Grabs
  • und die Abwehrhaltung der Stadt Wien, bei der Klärung der Todesumstände Mozarts.

Vielleicht gerade wegen seiner Unvoreingenommenheit kommt Köppen zu völlig neuen Schlüssen - und kann sie sogar teilweise belegen: So finden sich offenbar die letzten Noten von Mozarts Hand in der Freimaurerkantate, KV 623 (und nicht im berühmten "Requiem"!) und sind - meinen viele Musikhistoriker - "verzittert, unleserlich und verkritzelt" und damit mögliches Zeichen einer Quecksilber-Intoxikation.

Die hat sich Mozart offenbar durch die Therapie einer im Frühjahr 1791 akquirierten Lues zugezogen: Augenzeugen berichten übereinstimmend, er habe bei seinem damaligen Aufenthalt in Prag ständig "mediciniert" (offenbar eine Salbenbehandlung gegen den Primäraffekt). Die Therapie, die dann in Wien oral mit dem von van Swieten besorgten Quecksilberchlorid fortgeführt wurde, wurde dann offenbar zu hoch dosiert, was zur irreversiblen Nierenschädigung führt.

Mozarts Hausarzt Barisani starb mit 29 Jahren an Lues

So stimmt Köppens Theorie einerseits mit der der meisten Autoren überein - 30 sehen "Nieren-" und nur 14 "Herzversagen" als Todesursache - und knüpfen an Mutmaßungen von Rudolf Virchow und Ferdinand Sauerbruch an, die auch eine Quecksilber-Intoxikation als Todesursache identifiziert haben.

Im übrigen sind auch Mozarts Hausarzt Barisani mit 29 Jahren und der beim sterbenden Mozart anwesende von Sallaba mit 33 Jahren sowie der Schüler und vermutliche Liebhaber von Constanze Mozart, Franz Xaver Süssmayer, mit 37 Jahren an Lues gestorben, einer damals äußerst weit verbreiteten Krankheit.

Wie man bei anderen Luesopfern sieht, wurde die wahre Todesursache bei dieser "schmutzigen Krankheit" regelmäßig vertuscht. Daß Constanze Mozart erst nach knapp zwei Jahrzehnten erstmals versucht, das Grab ihres Manns ausfindig zu machen, gibt den Umständen von Mozarts Tod einen zusätzlichen bitteren Beigeschmack.

Ludwig Köppen: "Mozarts Tod. Ein Rätsel wird gelöst." Ludwig-Köppen-Verlag, Köln. 292 Seiten. Euro 19,90. ISBN 3-00-013302-X.

Professor Friedrich Hofmann ist Arbeitsmediziner, Epidemiologe, Infektiologe und Schriftsteller. Er ist Leiter der Abteilung für Arbeitsphysiologie, Arbeitsmedizin und Infektionsschutz an der Universität Wuppertal.

Mozart und das Tourette-Syndrom

Vor zwei Jahren wurde in den Medien darüber berichtet, daß Mozart am Tourette-Syndrom gelitten haben soll (dabei war die Theorie bereits 1991 an der Universität von Uppsala geboren worden). Benannt ist diese Krankheit - plötzliche Tic-artige Zuckungen, Augenzwinkern, Schmatzen und gelegentliche Zwangshandlungen - nach Gilles de la Tourette, einem im 19. Jahrhundert aktiven französischen Neurologen.

Neue Nahrung hat die Tourette-Theorie durch eine kürzlich vom TV-Sender arte ausgestrahlte Sendung bekommen: Dabei hatte der britische Pianist James McConnel behauptet, sein eigenes Tourette-Syndrom durch Mozart-Musik therapieren zu können.

Im Umkehrschluß habe wohl auch Mozart selbst seine Musik (unbewußt) in einer Art und Weise komponiert, die bei ihm als Komponisten ähnliche therapeutische Effekte gezeitigt habe. Da es keinerlei greifbare Aufzeichnungen (zum Beispiel von Mozarts Vater) zu diesem Thema gibt, muß die (verlockende) Theorie derzeit als reine Hypothese betrachtet werden. (FHV) 


Ausstellungen und Festspiele

2006 ist Mozart-Jahr. Und an vielen Orten wird des 250. Geburtstags des Komponisten gedacht, vor allem natürlich in Deutschland und Österreich.

Es gibt Ausstellungen, zum Beispiel in der Albertina in Wien, im Deutschen Freimaurer-Museum in Bayreuth, im Bach-Museum in Leipzig oder im Holzhausenschlößchen in Frankfurt am Main. Auf Mozarts Spuren führt etwa auch der "Mozart-Radweg" im Chiemgau und eine spezielle Stadtführung in Frankfurt am Main.

Vor allem aber geht es in diesem Jahr um Mozarts Musik. Große Festivals stehen ganz im Zeichen des großen Komponisten. Bei den Salzburger Festspielen im August werden alle Opern Mozarts aufgeführt. In Wien beginnt heute ein großes, facettenreiches Programm mit Mozarts Werken, das sich durch das ganze Jahr zieht.

Dazu gehört etwa das Projekt "Live Mozart Now": Junge Künstler bringen Mozarts Musik in Krankenhäuser, Altenheime und Gefängnisse. Auch in Dresden finden derzeit die ersten Mozart-Festspiele statt. Das Finale ist am 1. und am 2. Februar. (eb) 

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