Ärzte Zeitung, 07.02.2006

Ein zweifelhafter Gradmesser für die Wissenschaft

Warum der Impact Factor, ein Maß für die Bedeutung einer Zeitschrift, nichts über die Qualität einer Publikation aussagt

SINGAPUR (nsi). Die Fälschungen in Publikationen des Tiermediziners und Klonforschers Dr. Woo Suk Hwang aus Seoul haben Forscherkollegen und die Öffentlichkeit erschüttert und Diskussionen über die Prävention solcher Betrügereien neu entfacht. Für die düpierten Fachzeitschriften, etwa "Science", dürfte der Skandal - so paradox es klingen mag - einen positiven Effekt haben: Der Impact Factor von "Science" erhöht sich. Er ist ein Maß für die Bedeutung der Zeitschrift. Denn die Veröffentlichungen von Hwang sind im Zusammenhang mit dem Betrug zig Mal zitiert worden.

Den Impact Factor nutzen Wissenschaftler, Geldgeber oder Berufungskommissionen oft, um die Qualität von Forschung und die Reputation eines Kollegen einzuschätzen. Gerade dazu aber eignet er sich nicht, wie das Beispiel von Hwang deutlich macht.

Der Impact Factor sei eher ein grobes Maß dafür, welchen Zeitschriften es gelinge, Autoren und Publikationen mit dem größten Interesse für andere Wissenschaftler zu gewinnen, so Dr. Adrian Mondry und Kollegen vom Bioinformatik Institut in Singapur (Biomedical Digital Libraries 2, 2005, 7).

    Unberücksichtigt bleibt, wie eine Publikation bewertet wurde.
   

Der Faktor gibt an, wie häufig im laufenden Jahr Publikationen der entsprechenden Zeitschrift in den vergangenen beiden Jahren zitiert worden sind. Der Impact Factor wird am Institute of Scientific Information in Philadelphia errechnet und hat sich weltweit durchgesetzt.

Sinnvoll ist er zum Beispiel für Bibliotheken, die entscheiden müssen, welche Zeitschriften sie abonnieren, so Mondry und seine Kollegen. Auch für Wissenschaftler, die eine Publikation einreichen möchten, könne der Impact Factor eine Entscheidungshilfe sein -ebenso für Herausgeber und Verlage, die ihre eigenen oder andere Publikationen einschätzen möchten.

Um die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit eines bestimmten Forschers zu beurteilen, eigne sich der Impact Factor aber nicht, weil der Faktor unberücksichtigt lasse,

  • ob die zitierte Arbeit positiv oder negativ gewertet wurde,
  • daß sich die Autoren oft selbst in die Referenzlisten aufnehmen,
  • daß Herausgeber Autoren zum Zitieren der von ihnen editierten Zeitschriften drängen,
  • ob irrelevante oder gar zurückgezogene Beiträge zitiert werden und relevante unerwähnt bleiben,
  • ob falsch zitiert wird
  • ob ein hoher Impact Factor durch Referenzen auf Artikel aus nur wenigen Fach- oder Teilgebieten zurückzuführen und damit nicht aussagekräftig für andere Fach- oder Teilgebiete ist.

Wer die Qualität der Publikationen einer bestimmten Arbeitsgruppe beurteilen wolle, müsse über die Review-Praxis des Journals Bescheid wissen und sich auch ein Bild machen von Zusammenhängen und Aussagen über die zitierten Arbeiten, resümieren Mondry und Kollegen. Der Impact Factor sei kein Allheilmittel, andere Algorithmen hätten sich aber bislang nicht durchsetzen können.

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