Ärzte Zeitung, 20.02.2006

Joseph Beuys - der Künstler als Schamane und Heilkundiger

Hommage 20 Jahre nach dem Tod / "Beuys und die Medizin": Ausstellung in Düsseldorf zeigt Werke aus der Sammlung eines Arztes

Joseph Beuys mit seiner Arbeit "Das Rudel", 1969 - eines der 80 ausgestellten Fotos "Beuys in Aktion". Foto: Lothar Wolleh, © Oliver Wolleh

Von Klaus Brath

"Schwefelkiste" heißt das Werk mit einer leeren und einer mit Schwefel überzogenen Zinkkiste. Fotos: museum kunst palast

Zwei gleich große Kisten stehen senkrecht nebeneinander: eine unbearbeitete Zinkkiste und eine mit Schwefel überzogene Zinkkiste, in der sich in einer Ecke ein zu einem Tupfer zusammengefalteter Mullstreifen befindet.

Ein beispielhaftes Kunstwerk von Joseph Beuys (1921 bis 1986): optisch spröde, symbolisch aufgeladen, inhaltlich rätselhaft mit merkwürdigem Bezug zur Medizin: das Element Zink wird in der Dermatologie für Heilsalben benutzt, das Element Schwefel stellte für den mittelalterlichen Arzt und Querdenker Paracelsus eines der Weltprinzipien dar, zugleich das Brennende und die Seele symbolisierend. Wollte Beuys auf die sowohl lindernde als auch schädigende Wirkung des Schwefels verweisen?

Oder spielt er gar auf Matthias Grünewalds berühmten "Isenheimer Altar" an, der gewisse formale und inhaltliche Parallelen aufweist? Schließlich ähneln Beuys' Zinkkisten formal den beiden innersten Tafeln des Altars, auf denen Grünewald zwei medizinisch relevante Szenen aus dem Leben des Heilige Antonius dargestellt hatte.

Grünewald plazierte auf der Altartafel unten links einen Kranken, der an Ergotismus leidet, die sogenannte "Mißgestalt mit den Schwimmfüßen" - räumlich identisch mit der tamponierten Ecke in der Beuysschen Schwefelkiste. Der Tampon ist, so deutet es der Arzt und Medizinhistoriker Professor Axel Hinrich Murken, "sozusagen stellvertretend topographisch in die gleiche linke untere Ecke so gestopft worden, als wenn es dort einen Wundfluß zu stillen gilt".

Mit Apotheken-flasche: "Mirror piece".

Das vieldeutige Beuys-Kunstwerk befindet sich im Besitz von Murken. Es ist derzeit in einer Doppelausstellung im Düsseldorfer "museum kunst palast" zu sehen, das aus Anlaß von Beuys' 20. Todestag an den Künstler erinnert, der wie kaum ein zweiter Assoziationen von "Genie" bis "Scharlatan" provozierte.

Joseph Beuys bei seiner Aktion "Freitagsobjekt. 1a gebratene Fischgräte" - ein Foto von Beuys‘ Künstlerfreund Bernd Jansen.

Im ersten Raum präsentiert die Schau mit dem Titel "Heilkräfte der Kunst" anhand von etwa 70 Objekten und Dokumenten Beuys als Experimentator, als Schamanen und Naturforscher. Gezeigt werden Werke der Sammlung Murken wie etwa "Mirror Piece (Poison)" oder die Plastik "Die Kreuzschmerzen der Frau", in denen Beuys mit Utensilien wie Apothekenflasche und Lehrbuch auf die Welt der Heilkunde anspielt.

Dokumentiert wird auch die Entstehungsgeschichte des Buches "Beuys und die Medizin." Murken hatte das im Design eines Sanitätskoffers erschienene Buch 1979 in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler veröffentlicht. Mit seinen Reflexionen über die vielfältigen natur- und geisteswissenschaftlichen Bezüge in Beuys' Werk gilt es als erste wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit der Gedankenwelt des Künstlers in monographischer Buchform.

Im zweiten Raum zeigen etwa 80 Fotografien "Beuys in Aktion", wie fotografierende Künstlerfreunde den Mann mit dem Filzhut mit ihrem eigenen Blick festgehalten haben. So fotografierte Lothar Wolleh den Künstler beim Aufbau seiner Arbeiten "Das Rudel" und "Plastischer Fuß Elastischer Fuß" im Moderna Museet Stockholm (1971). Oder Bernd Jansen zum Beispiel verewigte Beuys' assoziationsreiche Aktion "Freitagsobjekt. 1a gebratene Fischgräte" (1970) auf seinen Fotos.

Die Exponate und Fotoserien machen deutlich, warum der international wohl bekannteste deutsche Nachkriegskünstler einst vielen als Synonym für die Unverständlichkeit zeitgenössischer Kunst galt. Und sie vermitteln, wie intensiv sich Beuys, der ursprünglich Kinderarzt werden wollte, schöpferisch mit der vielschichtigen Thematik der Medizin auseinandergesetzt hat.

Die Ausstellung: "Joseph Beuys in Aktion. Heilkräfte der Kunst" ist bis zum 19. März im "museum kunst palast" in Düsseldorf zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr. Weitere Infos im Internet unter: www.museum-kunst-palast.de. Der Ausstellungsteil "Sammlung Murken" wird vom Oktober 2006 bis Februar 2007 auch im Museum Wiesbaden gezeigt.

Begleitbuch: "Heilkräfte der Kunst. Werke von Joseph Beuys in der Sammlung Axel Hinrich Murken" von Axel H. Murken, Stephan von Wiese (Hrsg.). Verlag Murken-Altrogge, Herzogenrath. 72 Seiten, viele Abbildungen. Euro 9,50. ISBN 3-935791-19-4

Weitere Ausstellungen zu Joseph Beuys

"Lebenslauf = Werklauf" im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart
Berlin bis 23. April

"Der Tod hält mich wach" in der Pinakothek der Moderne
München bis 23. April

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