Ärzte Zeitung, 02.03.2006

Macht der Bilder beeinflußt Sicht auf psychisch Kranke

Je höher der Fernsehkonsum, desto ausgeprägter die ablehnende Haltung gegenüber Menschen mit Schizophrenie

Von Matthias Lukasczik

Die menschliche Psyche gibt noch immer viele Rätsel auf. Das wird besonders deutlich, wenn es um psychische Erkrankungen geht. Auf seelische Leiden reagiert die Umwelt oft mit Unsicherheit oder offener Ablehnung. Teilweise ist dies durch fehlendes Wissen über Ursachen und Auswirkungen dieser Krankheiten bedingt.

Aber auch eine selektive oder reißerische Berichterstattung in den Medien kann negative Einstellungen gegenüber seelisch kranken Menschen fördern. Belege hierfür liefern Studien, welche die Attentate auf die Politiker Schäuble und Lafontaine sowie einen Amoklauf in der englischen Stadt Hungerford mit 16 Toten untersuchten. In allen Fällen litten die Täter an Schizophrenie.

Nach jedem dieser Ereignisse konnte festgestellt werden, daß unausgewogene und unsachliche Berichte zu einem Anstieg ablehnender Haltungen gegenüber psychisch Kranken führten, etwa der Überzeugung, diese seien gefährlich und würden mit einer hohen Wahrscheinlichkeit schwere Verbrechen begehen.

Einen detaillierten Blick auf die Auswirkungen des Medienkonsums hinsichtlich der Wahrnehmung psychisch kranker Menschen haben Matthias Angermeyer und seine Mitarbeiter vom Universitätsklinikum Leipzig geworfen.

    Leipziger Ärzte befragten mehr als 5000 Bundesbürger.
   

Sie befragten in einer umfangreichen Interviewstudie über 5000 Personen aus allen Bevölkerungsschichten, um Antworten auf folgende Fragen zu erhalten: Beeinflussen der Fernseh- und Printmedien-Konsum die Haltung gegenüber Personen, die an einer psychischen Erkrankung leiden? Und: Kommt es auf den Inhalt der Berichterstattung oder die Quantität des Medienkonsums an? Die Forscher konzentrierten sich dabei auf das Störungsbild der Schizophrenie ("European Psychiatry" 20/3, 2005).

Die Probanden wurden unter anderem gefragt, an wie vielen Tagen in der Woche sie fernsehen und welche Programme sie bevorzugt einschalten. Zudem erfaßten die Leipziger Forscher, ob die Probanden regelmäßige Leser von Zeitungen oder Zeitschriften waren und welche Printmedien sie präferierten.

Als Indikator für die Einstellung der Befragten gegenüber Personen mit Schizophrenie diente die sogenannte soziale Distanz: Die Teilnehmer wurden gebeten anzugeben, ob sie eine Person, die an einer schizophrenen Psychose leidet, zum Beispiel als Mieter, Kollegen, Schwiegersohn oder -tochter oder als Kinderbetreuer akzeptieren würden.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Je höher der Fernsehkonsum, desto ausgeprägter die ablehnende Haltung gegenüber Menschen mit Schizophrenie. Ausschlaggebend scheint zu sein, wie viel Fernsehen geschaut wird - die Art der gewählten Programme erwies sich als wenig bedeutsam.

Hingegen war beim Konsum von Printmedien entscheidend, welche Zeitschriften gelesen wurden. Leser, die Boulevardzeitungen und regionale Blätter bevorzugten, äußerten einen deutlich stärkeren Wunsch nach sozialer Distanz.

Je höher allerdings das Bildungsniveau der Befragten und je größer deren Vertrautheit mit psychischen Störungen war, umso weniger beeinflußten TV- und Zeitschriftenkonsum den Wunsch nach sozialem Abstand.

Warum Medien die Wahrnehmung psychisch Kranker mit beeinflussen, läßt sich, so die Annahme der Leipziger Forscher, vor allem durch die Macht der Bilder erklären: Emotional aufgeladene visuelle Botschaften - sei es im Fernsehen oder in Boulevardzeitschriften mit ihren großen Fotos und aufsehenerregenden Schlagzeilen - prägen sich ungleich nachhaltiger ins Gedächtnis ein als das geschriebene Wort.

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