Ärzte Zeitung, 03.03.2006

HINTERGRUND

Kinder aus den Tsunami-Gebieten leiden auch ein Jahr nach der Katastrophe noch immer unter Alpträumen

Von Brigitte Düring

Ein Jahr nach der Tsunami-Katastrophe leiden in den betroffenen Regionen Südostasiens immer noch viele Menschen unter dem Verlust von Angehörigen und ihren existentiellen Grundlagen. Posttraumatische Belastungsstörungen treten jedoch nicht nur bei Menschen in den vom Tsunami zerstörten Regionen auf. Auch in weiter entfernten Gebieten hat der Tsunami bei den Menschen tiefe Spuren hinterlassen, wie Dr. Kwartarini Wahyu Yuniarti, Psychologin an der Gadja Mada University in Yogyakarta in Indonesien, berichtet.

Überlebende des Tsunami in Sri Lanka: Lassita und Lakshita haben ihre Eltern verloren und leben jetzt bei ihren Großeltern Kulawati und Nandasena. Foto: dpa

Menschen, die sich im Abstand von drei Kilometern zum Meer befanden, wo nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung überlebte, hätten kaum posttraumatische Belastungsstörungen. Bei ihnen überwiege die Freude, noch am Leben zu sein, sagte Yuniarti bei einem internationalen Workshop zu den psychischen Folgen der Katastrophe auf Einladung der Universität Leipzig.

Hingegen finde man bei Personen, die sich drei bis sieben Kilometer vom Meer entfernt aufgehalten hatten, den höchsten Anteil von Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen. Dort lag die Überlebensrate bei 50 bis 80 Prozent. Yuniarti: "Diese Personen wollten helfen, mußten aber hilflos zusehen, wie andere wieder ins Wasser gezogen wurden und umkamen. Sie standen unter sehr starkem Streß, haben oft noch Schuldgefühle."

Leipziger Psychologen besuchten Katastrophengebiete

"Das Gefühl der Hilflosigkeit ist über Fernsehbilder in die ganze Welt getragen worden", sagte Professor Evelin Witruk vom Institut für Psychologie II der Universität Leipzig. Sie leitete den Workshop und hat mit Mitarbeitern des Instituts bei Aufenthalten im Februar 2005 und Dezember 2005 in Sri Lanka und Indonesien ermittelt, wie sehr die Menschen psychisch unter den Folgen des Tsunami leiden.

Personen, die auf einer Skala von Null bis 75 ihre eigene Belastung als gering einstuften (Mittelwert 19,3), schätzten die Belastung der Betroffenen allgemein als sehr schwer ein (Mittelwert 46). "Also schon die Vorstellung, einem Ereignis wie dem Tsunami ausgesetzt zu sein, wird von den Befragten als sehr hoher Streß erlebt. Es hat wohl damit zu tun, daß die Phantasie das Ereignis noch erhöht", so Witruk.

Psychologen der Universität Peradeniya in Kandy (Landesinnere von Sri Lanka), die Kinder etwa aus der stark zerstörten Region um Balticaloa an der Ostküste Sri Lankas betreuen, berichteten: "Viele Kinder durchleben das Ereignis immer wieder, im Traum, in Schulpausen, beim Einschlafen. Die Bilder kommen häufig zurück. Die Kinder leiden unter Alpträumen, haben in Strandnähe Angst, meiden das Meer. Einige konnten in den ersten Monaten nach dem Tsunami keinen Fisch essen oder wollten nicht einmal Wasser trinken.

Viele Kinder sind hyperaktiv, motorisch sehr unruhig, leiden unter Schlaf- und Lernstörungen sowie unter der großen Hitze in provisorischen Camps." Die Psychologin Gunendra Dissanayake untersuchte elf Monate nach dem Tsunami neun- bis zwölfjährige Kinder, die den Tsunami überlebten. Von 126 Befragten hatten vier Prozent eine sehr starke posttraumatische Belastungsstörung.

Bei 30 Prozent war die Störung stark ausgeprägt, bei 46 Prozent fand sie einen mittleren Schweregrad, und nur 17 Prozent wiesen eine schwache Störung auf. Sie hatten teilweise Eltern und/oder ihr Zuhause verloren. Dissanayake veröffentlichte ein Buch über typische Merkmale von Tsunami-Opfern.

Sehr unterschiedlich seien die Bewältigungs-Strategien der Opfer, sagte Buddhiprabha Pathirana, ebenfalls Psychologin der Peradeniya-Universität. "Sehr ausgeprägt sind das soziale Netzwerk und die Hilfen zur Bewältigung des Ereignisses durch Mönche. Ihre Tempel liegen auf Anhöhen, so daß sich Kinder und Erwachsene dort sicher fühlen. Die Mönche besitzen eine große Fähigkeit, sich in den Zustand der anderen zu versetzen."

Psychologen der Universität trainierten Lehrer, Sozialarbeiter und Koordinatoren für Menschen mit psychosomatischen Beschwerden, sagte Pathirana. Sie schulen Multiplikatoren in Kunst- und Maltherapie, Tanz- und Spieltherapie, damit die Kinder ihre Gefühle ausdrücken und lernen, was sie tun können, wenn die Tsunami-Bilder sie ängstigen. "Es ist sehr wichtig, daß die Kinder herausfinden, was ihnen dann gut tut und sie dies üben."

Zahl der professionellen Therapeuten ist beschränkt

Die Yogyakarta-Universität hat nach dem Tsunami in Banda Aceh zwei Krisen-Zentren für Tsunami-Patienten eingerichtet, berichtet Yuniarti. Die Zahl der professionellen Therapeuten sei aber beschränkt. Einen großen Teil der Tätigkeit übernehmen ehrenamtliche Helfer.

Spätfolgen des Tsunami gewaltig

Bei dem Tsunami am 26. Dezember 2004 sind in Südostasien mehr als 200 000 Menschen ums Leben gekommen. Noch immer sind nach UN-Angaben etwa 1,5 Millionen Menschen in den betroffenen Gebieten auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. 500 000 Menschen leben noch in Notunterkünften.

Laut Unicef leiden ein Jahr nach der Flut 1,5 Millionen Kinder unter den Folgen der Katastrophe. Viele hätten schwere Verletzungen erlitten, viele ihre Eltern verloren. Die Hilfen müßten noch Jahre dauern. (Smi)

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