Ärzte Zeitung, 15.03.2006

"Fenster ins menschliche Gehirn"

ARD startet heute Reihe über sogenannte Savants / Inselbegabte sind häufig Autisten

HAMBURG (dpa). In der dreiteiligen Dokumentationsreihe "Expedition ins Gehirn" beschäftigt sich die ARD von heute (23.15 Uhr) an mit "Inselbegabungen", die oft mit Autismus einhergehen. Die weiteren Sendetermine: der 22. März (23.15 Uhr) und der 23. März (23.45 Uhr).

Als Neunjähriger warf Howard Potter einen kurzen Blick auf den Mittagstisch und beschwerte sich, daß sein Bruder "zwei Erbsen mehr" auf dem Teller habe.

Die verblüfften Eltern zählten nach und stellten fest: Howard hatte recht. Er gehört zu einer extrem kleinen Gruppe von Menschen mit besonderen Fähigkeiten, die Hirnforscher als Savants - "Wissende" - bezeichnen. Weltweit gibt es nicht einmal 100 erkannte und hochbegabte Savants.

Kim Peek aus Salt Lake City ist der wahre "Rain Man", an dem sich der Spielfilm mit Dustin Hoffman orientierte. Das visuelle System seines Gehirns erlaubt ihm, den Inhalt einer Buchseite in etwa acht Sekunden zu speichern. Er kennt Tausende von Büchern auswendig und speichert beliebige Daten: Melodien, Namen, historische Zahlen, den Kalender, das komplette Fernsehprogramm, alle Telefonvorwahlen der USA, das Straßennetz aller Staaten.

Der Preis für seine Fähigkeiten: Mit über 50 Jahren kann er nicht allein für sich sorgen. Auch Howard Potter ist mit 40 Jahren auf die tägliche Hilfe seiner Mutter angewiesen. Howard zieht mühelos Quadratwurzeln, liebt Primzahlen und vor allem das endlose Reservoir der Fußballresultate.

Der Psychiater Darold Treffert, seit den 60er Jahren führender Savants-Experte, sagt: "Die Savants stellen ein einmaliges Fenster ins menschliche Gehirn dar. Solange wir das Savant-Syndrom nicht verstehen, werden wir niemals verstehen, wie unser Gehirn funktioniert." Savants haben herausragende Fähigkeiten auf einem eng begrenzten Gebiet, während sie ansonsten eher minderbegabt sind.

Matt Savage, vom Kinderarzt als Autist diagnostiziert, brachte sich als Sechsjähriger mehr oder weniger über Nacht das Klavierspielen bei. Mit sieben Jahren begann er, Jazz zu komponieren. Im selben Jahr erschien seine erste CD mit eigenen Kompositionen.

Am Tage vor seinem 13. Geburtstag trat er in einem berühmten New Yorker Jazzclub auf. Stephen Wiltshire, ebenfalls als autistisches Kind diagnostiziert, flog knapp 45 Minuten lang mit einem Helikopter über Rom und zeichnete anschließend ein detailgetreues Luftbild-Panorama.

In der Filmreihe kommen mehrere Savant-Forscher zu Wort, außerdem werden erstmals 3-D-Animationen aus Computertomographien vom Gehirn der Protagonisten präsentiert. Das neue Darstellungsverfahren ist von New Yorker Spezialisten zum ersten Mal für das Fernsehen aufbereitet worden.

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