Ärzte Zeitung, 03.04.2006

Hinterläßt der virtuelle Tod Spuren in der Realität?

Experten diskutieren über die Folgen von sogenannten Ballerspielen am Computer / Große Koalition erwägt Verbot

Von Rudolf Grimm

Ist es harmlos, wenn Kinder am Bildschirm eines Computers auf virtuelle Menschen ballern? Die kontroverse Diskussion darüber hat neue Aktualität bekommen, seitdem bekannt ist, daß die große Koalition solche Spiele in Deutschland verbieten will.

Ein Teenager spielt das umstrittene Computerspiel "Counter-Strike", das nach dem Erfurter Schulmassaker in die Kritik geriet. Foto: dpa

Die Gegner eines Verbots, darunter vor allem Medienwissenschaftler und die Computer-Lobby, führen ins Feld, es sei wissenschaftlich nicht nachweisbar, daß Kinder und Jugendliche mit solchen Killerspielen reale Gewalt übten. "Was wir aber wissen, ist, daß das Spielen solcher Spiele zur Abstumpfung gegenüber realer Gewalt in der mitmenschlichen Umgebung führt und daß die eigene Gewaltbereitschaft zunimmt", sagt hingegen der Hirnforscher Manfred Spitzer in einem Interview der Zeitschrift "Psychologie heute".

Fördern Computerspiele die geistigen Fertigkeiten?

Es werde zwar oft argumentiert, daß Computerspiele und Fernsehen im Kindesalter die geistigen Fähigkeiten und Fertigkeiten fördere, wie etwa die Schnelligkeit des Denkens oder Reagierens. Dazu gebe es aber nur eine einzige Untersuchung, sagte Spitzer, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm und Autor des Buchs "Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft" (Ernst Klett Verlag).

In dieser Untersuchung wurde herausgefunden, daß Kinder Einzelheiten auf dem Bildschirm schneller erkennen können, wenn sie viele "Ballerspiele" spielen. Damit werde aber auch beschrieben, daß eine Aufmerksamkeitsstörung antrainiert wird, sagte Spitzer mit Hinweis auf die vielen sonstigen visuellen Reize.

Auf jeden Fall üben Gewaltspiele eine für Erwachsene häufig kaum nachvollziehbare Faszination auf Kinder und Jugendliche aus. "Sogenannte Ego-Shooter sind unter anderem deshalb so beliebt, weil sie von allen Computerspielen das banalste Spielprinzip innehaben.

Viele Kinder und Jugendliche, die den ganzen Tag mit solchen Spielen verbringen, kennen gar keine anderen Computerspiele oder haben weder die Geduld noch die Fähigkeit, einem komplexen Spielprinzip zu folgen", sagte der Leiter eines Büros für Kindermedien in Berlin, Thomas Feibel.

Der Autor des Buchs "Killerspiele im Kinderzimmer" (Walter Verlag) meint: "Es gibt jede Menge brutaler und zynischer Computerspiele, die absolut nichts in den Händen von Kindern und Jugendlichen zu suchen haben. Da helfen nur harsche Verbote."

Die Motivationspsychologen Rita Steckel und Clemens Trudewind von der Universität Bochum zogen aus einer Studie mit 280 Schulkindern die Konsequenz, Eltern sollten "mit den Kindern über die Spiele reden und Werte bezüglich Gewalt vermitteln, die sie gegebenenfalls auch mit Verboten durchsetzen sollten".

Feibel unterscheidet zwischen konstruktiven und negativen Spielen. In einem konstruktiven wird zum Beispiel ein Staat errichtet, der dann gegen Barbaren, die alles an sich reißen wollen, verteidigt werden muß. "Ego-Shooter sind immer destruktiv, selbst wenn ihnen wie bei ‚Counter-Strike’ ein hoher taktischer Bezug bescheinigt wird", sagte Feibel.

Computer im Kinderzimmer mindern die Lernfähigkeit

Das kriminologische Forschungsinstitut in Hannover hat bei einer Repräsentativbefragung von 6000 Viertkläßlern und 17 000 Schülern neunter Klassen festgestellt, daß der Besitz eines PC im eigenen Zimmer bei den Jungen die tägliche Spielzeit je nach Alter und Schultyp um 40 bis 90 Minuten erhöht. Das beeinflußt auch die schulische Leistungsfähigkeit, weil die Konzentrationsfähigkeit leidet und das im Kurzzeitgedächtnis flüchtig gespeicherte Schulwissen teilweise durch die emotional besetzten Bilder der Gewalt verdrängt wird.

Daß Mädchen pro Tag fast 90 Minuten weniger am Computer spielen und die brutalen Spiele meiden, ist für Christian Pfeiffer, den Direktor des Instituts in Hannover, auch ein Grund für ihren in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gewachsenen Leistungsvorsprung gegenüber den Jungen. (dpa)

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