Ärzte Zeitung, 09.06.2006

HINTERGRUND

736 Spieler, Tausende Offizielle und Millionen Fans - medizinische Versorgung bei der WM ist ein Kraftakt

Von Patrick Hagen

Das Organisationskomitee der FIFA erwartet zur Weltmeisterschaft in Deutschland mehr als drei Millionen Besucher. Am Turnier nehmen 32 Mannschaften mit 736 Spielern teil. Die medizinische Versorgung der Spieler und Schlachtenbummler ist für Organisatoren und Austragungsorte eine große Herausforderung.

Der deutsche Fußball-Nationalspieler Gerald Asamoah, selbst herzkrank, zeigt einen Defibrillator, mit dem jedes WM-Stadion ausgerüstet ist. Foto: firo sportphoto

Für die medizinische Betreuung in den zwölf WM-Städten und den Trainingsquartieren der Teams ist der Saarbrücker Professor Wilfried Kindermann verantwortlich. Das WM-Organisationskomitee hat ihn zum Chefmediziner der Fußballweltmeisterschaft ernannt. Ungefähr 200 Ärzte arbeiten während der WM ehrenamtlich unter der Führung von Kindermann. Für jede WM-Stadt hat Kindermann einen verantwortlichen Arzt benannt - sogenannte "Local Medical Officers", die sich wiederum ein eigenes Ärzteteam zusammengestellt haben.

Das Rote Kreuz versorgt die Zuschauer im Stadion

Kindermann wird sich während der WM im FIFA-Hauptquartier in Berlin aufhalten. "Von dort werde ich aber zu Stippvisiten in die verschiedenen Spielorte reisen", kündigt er an. Die Zuschauer auf den Tribünen versorgt das Deutsche Rote Kreuz, das einen Dienstleistervertrag mit dem Organisationskomitee geschlossen hat.

Die "Local Medical Officers" kümmern sich um die medizinische Versorgung der Spieler, Funktionäre und Ehrengäste im VIP-Bereich. In Köln ist dafür der Sporttraumatologe Professor Thomas Tiling zuständig. Tiling ist leitender Unfallchirurg am Kölner Klinikum Merheim - dem offiziellen WM-Krankenhaus für Köln.

Für jede Stadt, in der WM-Spiele ausgetragen werden, wurden bis zu drei Kliniken ausgewählt, die Spielern, Funktionären, Schiedsrichtern und den akkreditierten Teilnehmern für eine 24-Stunden-Versorgung zur Verfügung stehen. Die Teams haben zwar eigene Mannschaftsärzte, sind für aufwendige Diagnoseverfahren und Therapien aber auf gut ausgestattete Krankenhäuser angewiesen.

"Der Ärztestreik an den Unikliniken stellt in Köln kein Problem dar", sagt Tiling. Schließlich werde das offizielle WM-Krankenhaus nicht bestreikt. Nur in drei WM-Städten seien die Unikliniken auch die FIFA-Krankenhäuser. In Hamburg ist ein Streik aufgrund einer Sondervereinbarung ausgeschlossen, in München und Leipzig könnte es dagegen zu Streiks kommen.

Tiling ist auch für die Mannschaftsquartiere von Korea, Japan, der Elfenbeinküste und Brasilien, die drei FIFA-Hotels und die zu ihren Spielen in Köln anreisenden Mannschaften zuständig. Er ist auf alle medizinischen Probleme vorbereitet, von einem eingeklemmten Finger bis zu einem Ehrengast mit Herzbeschwerden. "Wir brauchen das gesamte medizinische Spektrum - von Zahnärzten bis zu Unfallchirurgen."

Auch die Stadien müssen den medizinischen Anforderungen entsprechen. In unmittelbarer Nähe der Umkleidekabinen der Mannschaft und im VIP-Bereich wurden Arzträume eingerichtet, in denen das notwendige medizinische Equipment vorhanden ist. Dazu gehören auch Defibrillatoren. 20 bis 25 dieser Geräte befinden sich in jedem Stadion. "Die Räume sind hochgerüstet wie eine Intensivstation", sagt Tiling.

Besonderes Augenmerk hat der Fußball-Weltverband auf die Verhinderung des plötzlichen Herztods bei einem Spieler gelegt. Alle teilnehmenden Fußballer mußten sich vor Beginn der WM einem Gesundheitscheck unterziehen.

Für diesen Check hat Kindermann einen Untersuchungsbogen entwickelt, der einen allgemeinmedizinischen, einen kardiologischen und einen orthopädischen Teil enthält. "Der FIFA mußte bis zum Beginn der WM eine Erklärung der teilnehmenden Verbände vorliegen, daß ihre Spieler gemäß des Untersuchungsbogens untersucht wurden und gesund sind", sagt Kindermann. Der Gesundheitscheck soll dazu beitragen, dem plötzlichen Herztod auf dem Spielfeld vorzubeugen - eine von Kindermanns Hauptsorgen: "Ein plötzlicher Herztod eines Spielers wäre aus medizinischer Sicht der GAU."

"Wir sind auf jedes Szenario vorbereitet"

Für einen Katastrophenfall wie etwa eine einstürzende Tribüne oder eine Massenpanik gibt es ein eigenes Sicherheitskonzept mit geänderten Zuständigkeiten. "Wir sind auf jedes erdenkliche Szenario vorbereitet", sagt Tiling. In Köln hat im Katastrophenfall der Feuerwehrchef die Weisungsbefugnis, innerhalb des Stadions übernimmt sie der Organisationschef des Kölner DRK.

Das Deutsche Rote Kreuz ist insgesamt mit über 6000 Sanitätern und Notärzten in den WM-Stadien im Einsatz. Erstmals koordiniert das DRK einen solchen Einsatz auf Bundesebene. "Wir haben ein Führungs- und Lagezentrum geschaffen, das 24 Stunden besetzt ist mit Technikern, Medizinern, Personalplanern und Öffentlichkeitsarbeitern", sagt DRK-Sprecher Lübbo Roewer. Seine größte Sorge ist aber nicht das Geschehen in den Stadien. "Eine größere Herausforderung werden Spielübertragungen auf Großbildleinwänden." Die Gefahren, die von betrunkenen Fans ausgehen, ließen sich vorher kaum abschätzen, so Roewer.

Malteser kümmern sich auch um betrunkene Fußballfans

Auch für die anderen Hilfsdienste bedeutet die Fußballweltmeisterschaft viel Arbeit. Die Malteser sind mit etwa 6000 Helfern für den Sanitäts- und Rettungsdienst an den Spielorten im Einsatz. In Frankfurt haben die Malteser eine besondere Aufgabe übernommen. Sie organisieren die "Zentrale Ausnüchterungsambulanz" (ZAB). Die ZAB soll bis zu hundert Behandlungsplätze für betrunkene Fußballfans bieten, die von bis zu fünfzig Maltesern betreut werden.

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