Ärzte Zeitung, 14.06.2006

"Es gibt auch Ärzte unter den Hooligans!"

Auch Akademiker suchen den Kick in Massenschlägereien / Die meisten Täter sind zwischen 14 und 35 Jahre alt

Von Angela Mißlbeck

"Die Welt zu Gast bei Freunden" lautet das Motto der Fußball-WM. Manche Menschen suchen beim Fußball aber keine Freunde, sondern Gegner. Ihren Kick und ihr Gemeinschaftserlebnis finden Hooligans bei Massenprügeleien. Sicherheitsbehörden, DFB und FIFA sind auf mögliche Krawalle vorbereitet.

Beamte der Bundespolizei schenken einem Autofahrer nach einer Kontrolle am Grenzübergang einen blauen Ball. Foto: ddp

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich haben deutsche Hooligans den französischen Polizisten David Nivel, der heute in Dortmund erwartet wird, halbtot geprügelt. Bei der Europameisterschaft 2000 lieferten sich englische und deutsche Fans Straßenschlachten im belgischen Charleroi. Auch bei der WM in Deutschland werden Ausschreitungen befürchtet - unter anderem beim heutigen Spiel Deutschland gegen Polen in Dortmund.

Doch wer sind die Hooligans? Und was treibt sie zu ihren Gewalttaten?

"Die soziale Spannbreite ist sehr weit. Es gibt auch Ärzte unter den Hooligans. Man glaubt es kaum", sagt Karl Mollenhauer, Chefpsychologe der Berliner Polizei. In Deutschland suchen vor allem in den alten Bundesländern auch viele Akademiker den Kick der Massenschlägereien, wie der Fan-Forscher Gunter Pilz sagt. In Ostdeutschland dagegen kämen Hooligans mehrheitlich aus den unteren Schichten.

Krawalle überschatteten das Fußball-Länderspiel Polen gegen Deutschland 1996 in Zabrze. Foto: dpa

Frauen, sogenannte Hooligirls, sind noch selten in der Szene. "Gerade junge Männer zwischen 14 und 35 Jahren suchen ihren Platz in der Gesellschaft durch alle Schichten hindurch", so Mollenhauer. Er sieht bei den verabredeten Massenschlägereien "archaische Bedürfnisse" am Werk. "In uns tobt massive Aggressivität", sagt er. Hinzu komme der Wunsch nach einem starken Gemeinschaftserlebnis und danach, einem Gegner Stärke zu beweisen.

Daß sich diese Massengewalt-Phänomene ausgerechnet im Umfeld des Fußballs abspielen, liegt nach Ansicht des Berliner Chefpolizeipsychologen in der Natur der Sache. Hooligans gehe es um das Wir-Gefühl und um Aggressionsabbau. Der Verstand sei untergeordnet. "Auch Fußball ist nichts Rationales. Das Spiel dient im Grunde dazu, Aggressionen in geordneten Bahnen herauszulassen", so Mollenhauer. Die Zuschauer versuchten daran teilzuhaben. "Das kann ganz schnell überschwappen."

Damit in den WM-Stadien keine Gewalt losbricht, haben FIFA, DFB und die Sicherheitsbehörden umfangreiche Vorkehrungen getroffen. Der DFB hat Stadionverbote gegen etwa 3000 bekannte deutsche Hooligans ausgesprochen. Die FIFA setzt in allen zwölf WM-Städten Fan-Beauftragte ein. So versucht man, die Fans im Zaum zu halten, die nicht von vornherein auf Gewalt gepolt sind, sich aber dazu anstiften lassen. "Echte" Hooligans werden sich aufgrund der Sicherheitsmaßnahmen an den Stadien und Fanmeilen wohl eher an anderen Orten zum Prügeln verabreden.

Bei der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) sind etwa 7000 deutsche Hooligans registriert. Die ZIS trägt während der WM bundesweit mit rund 450 Mitarbeitern täglich knapp 1000 Informationen über Fans zusammen. Daraus erstellt sie zu jedem Spiel eine interne Gefährdungsbewertung für die örtlichen Einsatzkräfte der Polizei.

Schon vor Beginn der Fußball-WM hat die Polizei registrierte deutsche Hooligans aufgesucht und zum Teil verpflichtet, sich während der Spiele persönlich in einer Dienststelle zu melden.

4000 englische Hooligans haben ein Ausreiseverbot erhalten und mußten ihre Pässe abgeben. Gefürchtet werden nun gewaltsuchende Fans aus Osteuropa. Denn dort sind die Kontrollstrukturen der Behörden noch nicht so fortgeschritten.

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