Ärzte Zeitung, 06.07.2006

Weniger Kopfverletzungen als bei WM vor vier Jahren

Im Breitensport werden Gehirnerschütterungen oft nicht erkannt und im Leistungssport bagatellisiert

Von Christiane Inholte

Nationalspieler Philipp Lahm erlitt nach einem Ellbogenschlag eines Gegners eine Wunde unter dem Auge. Foto: dpa

Bisher hat es bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland deutlich weniger Kopfverletzungen gegeben als noch bei der WM 2002, wie der FIFA-Chefmediziner Jiri Dvorak mitteilt. Dabei zählt Fußball Studien zufolge zu den Sportarten mit hohem Risiko für Kopfverletzungen und Gehirnerschütterungen.

Dies belegen auch Daten aus den USA. Dort gibt es jährlich etwa 300 000 registrierte Kopfverletzungen mit Gehirnerschütterungen als Folge von Sportunfällen, etwa beim Fußball, Eishockey oder Football. In der Schweiz werden jährlich etwa 30 000 registriert (Zahlen für Deutschland liegen nicht vor).

Experten vermuten, daß dies nur ein kleiner Teil der Verletzungen ist, bei denen die Diagnose Commotio cerebri gestellt wird. Im Breitensport werden Gehirnerschütterungen nämlich oft nicht erkannt und im Leistungssport bagatellisiert. so Dvorak und Kollegen in der Zeitschrift "Sportorthopädie, Sporttraumatologie" (22, 2006, 61).

Für viele unvergessen bleibt Dieter Hoeneß’ Auftritt im DFB-Pokalfinale 1982, als er mit einer blutenden Kopfverletzung weiterspielte und das Siegtor erzielte. Philipp Lahm schoß in dem WM-Spiel Deutschland gegen Argentinien zwar kein Tor, kämpfte jedoch trotz einer blutenden Wunde unter dem rechten Auge, die er sich nach einem Ellbogenstoß eines Argentiniers zuzog, weiter für den Sieg der Nationalelf.

Dabei haben betroffene Sportler außer akuten Symptomen oft Stunden oder Tage später noch Beschwerden. Bei der Commotio cerebri wirken äußere Kräfte auf kleine und kleinste Gefäße, Nervenzellen und Nervenzellverbände ein. Zu den typischen Symptomen gehören etwa Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit, Seh- und Hörstörungen.

Eine Gehirnerschütterung kann zudem das Bewußtsein der Sportler trüben. Klinische Befunde wie Bewußtlosigkeit, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen, epileptische Anfälle, verwaschene Sprache oder unpassende Emotionsausbrüche können bei Betroffenen diagnostiziert werden. Seit 2004 gibt es eine neue Einteilung der Commotio cerebri:

  • Die "einfache Gehirnerschütterung" kommt häufig vor. Nach sieben bis zehn Tagen verschwinden die Symptome vollständig und treten auch nach erneuter sportlicher Aktivität nicht mehr auf. Für die akute Commotio gilt, daß Spieler nicht ins laufende Spiel zurückkehren dürfen.
  • Die "komplexe Gehirnerschütterung" ist seltener. Sportler sind nach einem Ereignis häufig mehr als eine Minute bewußtlos und leiden längere Zeit unter kognitiven Störungen oder anderen Symptomen. Erneute Belastungen müssen oft wegen wiederkehrender Beschwerden abgebrochen werden.

Bei Sportlern, die wiederholt Gehirnerschütterungen haben, nehmen die Symptome häufig zu und halten länger an. Alle Betroffenen der komplexen Form der Commotio müssen neurologisch und neuropsychologisch untersucht werden.

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