Ärzte Zeitung, 20.09.2006

"Ich bring mich um!?" - Menschen am Abgrund

Das Erste berichtet heute um 23.15 Uhr über Schicksale jener, die der eigene Leistungsanspruch überfordert

HAMBURG (dpa). 11 000 Menschen bringen sich in Deutschland jährlich um. Vielen hätte zuvor geholfen werden können, sagt die Dokumentarfilmerin Liz Wieskerstrauch. Die Köchin Birgit aus Dortmund gehört dazu. Unter anderem um ihr Schicksal geht es in Wieskerstrauchs Film "Ich bring mich um!?", den das Erste heute um 23.15 Uhr zeigt.

Birgit wurde von ihrer Freundin verlassen und flüchtete vor ihrem Selbsttötungsverlangen ins Dortmunder Krisenzentrum für Suizidgefährdete - ihr Glück, daß es solch eine Einrichtung in der Nähe gibt. Dort erklärt ihr die Psychotherapeutin Ingrid Israel: "Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden. Nach diesem Wort der Brüder Grimm arbeiten wir. Darauf hoffen wir."

Der "Fall Birgit" ist einer von dreien in Wieskerstrauchs Dokumentation. Nicht alle haben ein gutes Ende. Der Prokuristin Claudia, nach außen Typ Erfolgsfrau, war nicht mehr zu helfen. Zutiefst verschuldet, der Unterschlagung schuldig geworden, stürzte sie sich vom Hochhaus. "Wie gehen die Hinterbliebenen damit um?", fragte Wieskerstrauch und sprach mit Mutter und Schwester.

Aber was geht in einem Menschen vor, der den Suizidversuch überlebt hat? Dies ist die Frage bei Marc, auch er der Erfolgstyp, immer strahlend, lächelnd, scheinbar auf der Überholspur des Lebens von Kindheit an.

Birgit und Marc sind zwei Menschen, die der eigene Leistungsanspruch überfordert hat, "ein sehr häufiges Motiv in unserer ganz auf Erfolg und Leistung programmierten Gesellschaft, die rasch einen Menschen an dessen innere Grenze führen kann", wie Liz Wieskerstrauch meint. Mit Hilfe des Dortmunder Krisenzentrums fand sie ihre "Kandidaten" - und war erstaunt, mit welcher Offenheit die Betroffenen und ihre Angehörigen über ihr Schicksal sprachen.

Daher auch ist es ihrer Meinung nach ein zwar ernster, aber keineswegs düsterer Film geworden. Ein Film gleichsam in Großaufnahme: "Ich könnte wenigstens noch ein halbes Dutzend weitere drehen, zum Beispiel über die Reaktion der Gesellschaft auf eine Selbsttötung. Aber mein Film macht zunächst einmal eine menschliche Nähe zu der Thematik möglich."

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