Ärzte Zeitung, 25.09.2006

In "Mielkes Privatknast" gehörte Bespitzelung zum Alltag

Neue Dauerausstellung zum Stasi-Gefängnis Bautzen II eröffnet / 3000 Häftlinge zwischen 1956 und 1989

Von Miriam Schönbach

Über einen halben Meter ist die Mauer dick. Die Wände sind in Blau-Grau gestrichen, Kleister verhindert die Sicht durch die Fenster. Dicke Eisschichten sollen sich im Winter 1956 an den Wänden des knapp sechs Quadratmeter großen Haftraums gebildet haben.

Die Zelle von Dieter Hötger im ehemaligen Stasi-Gefängnis Bautzen II. Hötger gelang als einzigem Häftling im November 1967 die Flucht aus der Haftanstalt. Fotos: ddp

Im August des selben Jahres habe die DDR-Staatssicherheit in einer Nacht- und Nebelaktion "124 besondere Staatsfeinde" in die Sonderhaftanstalt Bautzen II in Sachsen geliefert, sagt Susanne Hattig von der Gedenkstätte Bautzen.

Dort ist kürzlich die neue Dauerausstellung zum Stasi-Gefängnis Bautzen II eröffnet worden. Ein vergilbtes Schriftstück in einem Ausstellungsraum erzählt ein wenig über die Geschichte des Gefängnisses mitten in der Stadt. Auf dem Zettel ist die Strafe für den Schriftsteller Walter Janka vermerkt, höchstpersönlich angewiesen von Erich Mielke: "Einzelhaft oder gemeinsam mit einem anderen Lebenslänglichen, geeigneter Zelleninformant."

Ein Besucher blickt in eine Gefängniszelle. Die neue Dauerausstellung in der Gedenkstätte Bautzen II vermittelt den Besuchern ein erschütterndes Bild der Haft.

Bautzen II unterstand als einziges Gefängnis der Stasi

"Bautzen II war das erste und einzige Gefängnis, das direkt dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unterstand. Es hatte das absolute Sagen über die Häftlinge", erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin. Bautzen brachte dies den Namen "Mielkes Privatknast" ein. Für den Hochsicherheitstrakt wurden Systemgegner, Fluchthelfer und westliche Spione, aber auch straffällig gewordene Funktionäre aus dem DDR-Herrschaftsapparat - oft vom Minister persönlich - ausgesucht.

Ihre Haft verbrachten sie isoliert, bespitzelt und demoralisiert. Unter ihnen waren der erste Außenminister der DDR, Georg Dertinger, der Westberliner Journalist Karl Wilhelm Fricke, der Schriftsteller Erich Loest und der Philosoph Rudolf Bahro.

Eine Besucherin der Ausstellung betrachtet Handfesseln und einen Schlagstock aus den 80er Jahren.

Bahro verbrachte seine zweijährige Haft fast ausschließlich in der "Verbotenen Zone", dem Gefängnis im Gefängnis. Hier lebte der Berliner in völliger Isolation. Grund für die Haftverschärfung war ein aus dem Gefängnis geschmuggelter Kassiber. Mit diesem Material veröffentlichte "Der Spiegel" eine Geschichte über Strafvollzug des Regimegegners.

1979 wurde Bahro amnestiert und aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen. Für Schikanen und Arrest reichten noch weniger. Hattig: "Es gab eine militärische Hausordnung. Um zwei Gefangene kümmerte sich ein Bediensteter."

Der Freigangbereich im Gefängnis Bautzen II. Die neue Dauerausstellung zeigt den Haftalltag der Insassen.

Sogar die Unterbringung der Zahnbürste war reglementiert

Im Haftraum heute hängt Kleidung schief auf dem Bügel, die gelb-braun-karierten Hausschuhe stehen schräg unter dem Bett, die blau-weiß-karierte Decke darauf wirft Falten. "Diese Zelle wäre damals nicht durchgegangen. Es war sogar die Unterbringung der Zahnbürste reglementiert. Je strenger die Weisungen, desto leichter läßt sich auch etwas für ständige Demütigungen finden", sagt die Historikerin.

Über 3000 Häftlinge haben zwischen 1956 und 1989 in Bautzen II ihre Haft verbüßt, darunter waren Anfang der 80er Jahre fast 50 Prozent Westdeutsche und Ausländer. Einige der Schicksale der Inhaftierten sind in der neuen Ausstellung auf den Biografie-Stelen zu lesen. Im zentralen Ausstellungsraum gibt es allgemeine Informationen über das Stasigefängnis. Für die neue Ausstellung wurden Zellen rekonstruiert, Wanzen freigelegt und in Archiven geforscht. Und es werden Täter beim Namen genannt. (ddp.vwd)

Weitere Infos finden Sie im Internet: www.gedenkstaette-bautzen.de

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