Ärzte Zeitung, 21.11.2006

Ist "Frankenstein" eine Symbolgestalt biotechnischer Grenzüberschreitung?

Deutsches Medizinhistorisches Museum Ingolstadt zeigt eine besondere Ausstellung

Von Frederik Obermaier

Dieser Anblick ließ schon viele Betrachter in Tränen ausbrechen: Ein kleiner Hund, festgenäht auf dem Rücken eines Schäferhundes. Beide teilen sich ein Herz, eine Lunge und ein künstliches Verdauungssystem. Ihre Chance, länger als ein paar Tage zu überleben, war gleich Null.

Grausames Experiment: ein kleiner Hund, der auf dem Rücken eines Schäferhundes festgenäht wurde. Fotos: dpa

Das Präparat - ein grausames Transplantationsexperiment des russischen Wissenschaftlers Wladimir Demichov - ist der wohl erschreckendste Teil der Ausstellung "Frankenstein - Symbolgestalt biotechnischer Grenzüberschreitung", die noch bis zum 26. November im Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt zu sehen ist.

In der neuen Ausstellung des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt wird auch dieser konservierte Babykörper gezeigt, der anstelle von Beinen einen flossenähnlichen Unterkörper hat.
 
Ein Röntgenbild zeigt das Skelett von einem 2,35 Meter großen Mann, der als "Riese vom Tegernsee" bekannt wurde.

"Ich habe das Präparat nicht hergeholt, um das Publikum mit dem großen Schocker zu konfrontieren, sondern um Grenzüberschreitungen sichtbar zu machen", sagt Museumsdirektorin Christa Habrich. Wie Demichov bei seinem Hunde-Experiment im Jahr 1966 überschritt der junge Arzt Viktor Frankenstein in Mary Shelleys gleichnamigem Roman eine Grenze - als er aus Leichenteilen einen künstlichen Menschen erschuf.

Mit der Ausstellung kehrt der berühmt-berüchtigte Wissenschaftler jetzt zurück an jenen Ort, wo er Shelley zufolge studierte: an die ehemalige medizinische Fakultät der Universität Ingolstadt, die seit 1973 das Deutsche Medizinhistorische Museum beherbergt.

"Mary Shelleys Saloon" zeigt Notizen zu "Frankenstein"

Nur ein paar Schritte von Frankensteins ehemaligem Vorlesungssaal entfernt befindet sich jetzt "Mary Shelleys Saloon". Hinter schweren, dunkelroten Vorhängen, liegt auf dem alten Schreibtisch ein Faksimile von Shelleys handschriftlichen Notizen zu ihrem späteren Roman "Frankenstein oder ‚Der moderne Prometheus‘", den sie Anfang des 19. Jahrhunderts veröffentlichte. Daneben hängen die vergilbten Zeichnungen von Shelleys Familie, im Hintergrund klingt Beethovens "Die Geschöpfe des Prometheus".

"Dieser Raum soll zeigen, was Shelley beeinflußte, als sie mit nur 18 Jahren den Roman verfaßt hat", sagt Habrich. Da wäre etwa der Wissenschaftler Giovanni Aldini, der Strom an Leichen legte, die sich dann kurz aufbäumten. Oder die Hirnmodelle von Franz Joseph Gall, der glaubte, charakterliche Eigenschaften anhand der Gehirnform ablesen zu können.

Die Ausstellung zeigt aber auch Präparate von menschlichen Mißbildungen. So finden sich in den Vitrinen unter anderen der Schädel des großwüchsigen "Riesen vom Tegernsee", konservierte Babykörper - eines mit nur einem Auge, ein anderes mit einem flossenähnlichem Unterkörper statt zweier Beine. Oder der Fötus des "Steinkindes von Leinzell", der von einer Kalkschicht umhüllt, 46 Jahre tot im Bauch seiner Mutter überdauerte. "Die Beobachtung in der Natur ist immer der Ausgangspunkt. Das ist der Anschluß zwischen den Visionen einer Künstlerin, die sich ein Monsterwesen vorstellte, und dem, was tatsächlich vorkommt", erklärt Habrich.

Wie bei diesen natürlichen Mißbildungen war die Faszination von Frankenstein stets eine Mischung aus Abscheu und Bewunderung zugleich. Die machte sich auch Hollywood zu Nutze: So erinnert ein Teil der Ausstellung an die vielen Filme, denen Mary Shelleys Roman als Vorlage diente - der wohl bekannteste mit Boris Karloff in der Hauptrolle.

"Dr. Frankensteins Geschöpf steht heute wie auch schon vor hundert Jahren für eine Revolution in der Biotechnologie, die den Leuten den Angstschweiß auf die Stirn treibt", sagt Habrich. Was früher das Geschöpf aus Leichenteilen war, sind heute Themen wie das Klonen, die Zellforschung oder die Genmanipulation. Anhand von "Spiegel"-Titelseiten der vergangenen Jahrzehnte sowie Werken zeitgenössischer Künstler stellt ein weiterer Ausstellungsteil die biotechnischen Grenzüberschreitungen unserer Zeit dar.

Darf der Mensch in die Schöpfung eingreifen?

Eine Frage taucht darin immer wieder auf: Darf der Mensch in die Schöpfung eingreifen, gar das Erbgut verändern, um den Mensch aus dem Baukasten zu schaffen? "Die Verlockung ist da", sagt Habrich, "wir wissen aber nicht, was danach passiert - ob nicht doch wieder Frankenstein rauskommt." (dpa)

Infos zur Ausstellung finden Sie im Internet unter www.ingolstadt.de/deutschesmedizinhistorischesmuseum. Öffnungszeiten: Täglich von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr; montags geschlossen.

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