Ärzte Zeitung, 01.02.2007

Mit dem Eis schmilzt der Lebensraum für Inuit und Eisbär

Auswirkungen der Erderwärmung sind in der Arktis besonders hart / Eisbären vom Aussterben bedroht, Fischer müssen sich umstellen

Von Thomas Borchert

Für die Inuit in Ilulissat ist die Klimakatastrophe vor zehn Jahren Wirklichkeit geworden. Seither gibt es wegen des Temperaturanstiegs kein Treibeis mehr in der Diskobucht vor Grönlands drittgrößtem Städtchen. Die Fischer können nicht mehr mit ihren Hundeschlitten losziehen, um vom Eis aus durch gehackte Löcher Heilbutt zu fangen. Während die Menschen sich mit neu angeschafften Booten behelfen können, sieht es für die Eisbären schlechter aus.

Die Raubtiere verlieren mit dem Verschwinden des Treibeises buchstäblich den Boden unter den Füßen. Schon jetzt sinken die Bestandszahlen massiv, weil Eisbären entweder verhungern oder bei der Jagd ertrinken. 2040 wird es im arktischen Sommer überhaupt kein Treibeis mehr geben, sagen Klimaforscher voraus.

Solche Schreckensgeschichten hat die Arktis seit Jahren reichlich zu bieten. Die Erderwärmung vollzieht sich hier etwa doppelt so schnell wie anderswo. Das dabei freigesetzte Schmelzwasser gilt für den ganzen Planeten als Bedrohung. Mit den schwindenden Eismassen der Arktis befasst sich daher auch der vierte Bericht des UN-Klimarates (IPCC), den das Gremium morgen in Paris präsentieren will.

Dass man im Süden Grönlands nun Kartoffeln ernten könne und die Rieseninsel ihrem von der Farbe Grün kommenden Namen demnächst alle Ehre machen werde, gehört zu den vermeintlich positiven Auswirkungen des massiven Klimawandels in der Arktis. Doch die Aussichten sind überwiegend bedrohlich. "Wir müssen uns schon jetzt sehr praktisch umstellen, obwohl wir in vielen Belangen noch gar nicht wissen, was genau auf uns zukommt", schreibt Jens Napatok in einer Broschüre des Umweltamtes mit Ratschlägen an die Bevölkerung zur "Vorbereitung Grönlands auf den Klimawandel".

Die Eisfischer von Ilulissat trainieren nun das Manövrieren mit ihren kleinen Booten im nicht ganz ungefährlichen Gewirr von Eisbergen vor der Küste. Was aber können sie tun, wenn die Erwärmung um geschätzte fünf bis zu sieben Grad Celsius auch den Permafrostboden aufweicht, auf dem ihre Häuser gebaut sind? Alle 400 000 Ureinwohner der Arktis zwischen Sibirien und Kanada seien in ihrer Kultur, Lebensweise und letztlich auch existenziell gefährdet, warnt die deutsche Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen.

Andere betrachten die Erderwärmung als Segen. Durch den Temperaturanstieg ließen sich die gigantischen Bodenschätze unter dem Polargrund technisch leichter und vor allem billiger ausbeuten. (dpa)

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