Ärzte Zeitung, 01.02.2007

Ab wann ist ein Embryo ein menschliches Lebewesen?

Themenabend zur Stammzellforschung beim Sender "Arte" / An den kontroversen Diskussionen sind auch religiöse Gruppen beteiligt

NEU-ISENBURG (ple). Über den Stellenwert eines Embryos im Zusammenhang mit der Stammzellforschung ist kein Konsens in Sicht. Denn an der Diskussion sind auch viele religiöse Gruppen beteiligt, die ganz unterschiedliche Vorstellungen davon haben, ab welchem Entwicklungsstadium ein Embryo ein menschliches Wesen ist.

Wie unterschiedlich die Auffassungen sind, hat jetzt ein Beitrag des Senders "Arte" verdeutlicht, der Teil eines Themenabends zur Stammzellforschung war: Aus katholischer Sicht etwa ist menschliches Leben von Anfang an - vom Zeitpunkt der Befruchtung - unantastbar. Deshalb wird von Katholiken die Forschung an adulten statt an embryonalen humanen Stammzellen favorisiert.

Ähnlich ist es für Muslime. Für sie sind Embryonen etwas Heiliges. Es besteht kein Zweifel darüber, dass ein Embryo als Mensch betrachtet wird, wie Bassem Hatahet, Mitglied des Verbandes der islamischen Organisationen in Europa, sagt.

Ganz anders ist die Auffassung im jüdischen Glauben. Für Jonathan Guttentag, Mitglied der Europäischen Rabbi-Konferenz, beginnt das Leben erst im Mutterleib. Deshalb werden Embryonen vor der Implantation in die Gebärmutter als Präembryonen bezeichnet, die sich zu einem menschlichen Wesen entwickeln könnten - und das sind Embryonen in einer Kulturschale auch nach neun Monaten sicher nicht, so Guttentag. Nach einer In-vitro-Fertilisation (IvF) entstandene Embryonen seien per se noch keine menschlichen Lebewesen.

Patienten-Organisationen setzen sich für die Erforschung embryonaler Stammzellen ein, etwa indem einige der 10 000 tiefgefrorenen Embryonen nach IvF dafür genutzt werden, statt sie zu vernichten.

Die Katholikin Katharina Schauer von der Komission der Bischofskonferenzen der EU plädiert dafür, zu verhindern, dass noch mehr solcher Embryonen entstehen. Der Patientenvertreter Yann Le Cam, Geschäftsführer von EURODIS, einem Dachverband, der 30 Millionen Patienten in Europa vertritt, aber fragt: "Ist es wichtiger, diese Embryonen zu schützen, als das Leben unserer kranken Mitmenschen?" Er setzt sich deshalb auch für die Erforschung der embryonalen Stammzellen ein.

Die Diskussion in "Arte" konnte das Dilemma nicht lösen. Der Beitrag bot aber die Möglichkeit, die Positionen der Religionsgemeinschaften und Patienten kennen zu lernen.

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