Ärzte Zeitung, 02.02.2007

Filmriss nach Vergewaltigung

Immer mehr Frauen Opfer von K.O.-Tropfen / Gamma-Hydroxy-Buttersäure schon nach Stunden kaum nachweisbar

AACHEN (dpa). In ihrer Stamm-Disco sprach der Türsteher die junge Frau an: "Ich habe nicht gedacht, dass du so eine Schlampe bist." Er nahm sein Handy und zeigte ihr ein Foto: Darauf war sie in einem Nebenraum der Disco beim Geschlechtsverkehr zu sehen. Sie konnte sich an nichts erinnern. Erst später kam raus, dass sie Opfer einer Vergewaltigung war.

Die junge Frau war am anderen Morgen in ihrem Bett aufgewacht, und wusste nicht einmal, wie sie heimgekommen war. Pausenlos musste sie sich übergeben. "Sie war völlig verzweifelt", sagt Monika Bulin vom Aachener Frauennotruf. Für Bulin war klar, dass die Frau ein Opfer von "K.O.-Tropfen" oder "Liquid Ecstasy" war, flüssigem Ecstasy, wie die Partydroge auch genannt wird.

Über 30 Frauen haben sich allein im vergangenen Jahr beim Aachener Frauennotruf gemeldet, die alle den gleichen Verdacht hatten: Jemand muss ihnen die flüssige Droge unbemerkt ins Glas gekippt haben. Der Aachener Notruf gilt beim Bundesverband der Frauennotrufe als kompetent bei dem Thema. Mit Aufklärung ist er in die Offensive gegangen. Auch bei anderen Notrufen gebe es immer wieder Hilferufe von Opfern.

Typische Symptome der Droge sind das Gefühl, in Watte gepackt zu sein, ein Filmriss, Aufwachen ohne Erinnerung, an einem anderen Ort, extreme Übelkeit, Erbrechen. Die meisten der Frauen, die sich in Aachen meldeten, hatten Glück, weil Freunde sie nach Hause brachten. Andere seien sexuell missbraucht oder vergewaltigt worden. Die Spuren an Körper und Kleidung sprechen eine eindeutige Sprache.

Hinter "Liquid Ecstasy" verbirgt sich der Wirkstoff Gamma-Hydroxy-Buttersäure (GHB). Das Wirkungsspektrum hängt nach Angaben der Drogenhilfe Köln von der Dosierung ab und reicht von alkoholähnlichen Rauscherfahrungen über intensivere Wahrnehmung bis zu komatösen Zuständen, die mit Verwirrtheit und Gedächtnisstörungen einhergehen.

Die Direktorin der Düsseldorfer Rechtsmedizin, Professor Stefanie Ritz-Timme, kennt das Problem. Zu ihr kommen oft Frauen, die Klarheit haben wollen. "Die Frauen berichten, sie sind plötzlich bewusstlos gewesen und irgendwo anders aufgewacht." Sie vertrauten sich erst einmal der Freundin an. Bis sie sich zur Untersuchung durchringen, verrinnt wertvolle Zeit. Denn die Droge ist nur acht bis zwölf Stunden nachweisbar.

"In der überwiegenden Zahl der Fälle wird nichts nachgewiesen", sagt Ritz-Timme. Ihr ist klar, was die Frauen durchmachen. Sie versteht auch, warum die wenigsten Anzeige bei der Polizei erstatten: "Für die Frauen ist das hochnotpeinlich."

In der Statistik des Bundeskriminalamtes sind Sexualdelikte unter Einfluss von GHB nicht aufgelistet. Dort geht man davon aus, "dass die Fälle bisher nicht so häufig sind - nicht so häufig vorkommen oder bekannt werden, möglicherweise mehr im Dunkelfeld liegen", so ein Sprecher.

Bei der Aachener Polizei liegen gerade einmal zwei Anzeigen auf dem Tisch. Polizeisprecher Paul Kemen fordert betroffene Frauen eindringlich auf: "Meldet euch bei der Polizei, damit die Täter - auch mit Blick auf diejenigen, die möglicherweise noch Opfer werden - verfolgt werden können." Bei sexuellen Handlungen gebe es immer Spuren.

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