Ärzte Zeitung, 07.03.2007

"Nach wie vor ist Afghanistan für Frauen ein großes Gefängnis"

Zahl der Selbstverbrennungen steigt / Gute Gesetze, aber viele negative Traditionen

KÖLN (dpa). Manche Afghaninnen sind so verzweifelt, dass sie in den Tod flüchten. Selbstverbrennungen von Frauen hätten sich zuletzt gehäuft, berichtet die Ärztin und afghanische Politikerin Golalei Nur-Safi. Im Suizid sähen diese Frauen die einzige Chance, Unterdrückung und Gewalt zu entkommen.

Eine afghanische Frau sitzt in Kabul unter Bäumen. Ihr Gesicht ist unter einer Burka verhüllt. Foto: dpa

"Eine Frau, die überlebt hat, habe ich nach dem Warum gefragt. Sie sagte mir ‚Ich habe so lange gekämpft, jetzt wollte ich die ganze Familie mit dem Brand auslöschen‘", sagt die Parlamentarierin Golalei Nur-Safi, die nach Jahren im deutschen Exil in ihre Heimat zurückkehrte und den Wiederaufbau mitgestalten will.

In einem Gespräch in Köln zeigt sich die 50-Jährige kürzlich überzeugt, dass sich die furchtbare Situation nur mit ausländischer Hilfe bessern kann: "Ich wünsche mir vor allem, dass die internationalen Organisationen Afghanistan nicht im Stich lassen. Dass es nicht wieder so wird wie früher - von aller Welt vergessen."

Mit dem Wiedererstarken der Rebellen im Vorjahr sei alles wieder schwieriger geworden. Insgesamt gesehen gehe es vielen Frauen heute besser als zu Zeiten der Taliban. "Aber jetzt hat sich die Sicherheitslage durch die Selbstmordattentate verschärft." Viele Mädchen, denen der Schulbesuch erst seit wenigen Jahren erlaubt ist, müssten nun wieder zu Hause bleiben. Und für prominente moderne Frauen wie Nur-Safi ist die Gefahr durch Attentäter größer geworden: "Wir sind interessante Ziele."

Die dreifache Mutter, deren erwachsene Kinder in Deutschland blieben, hat seit ihrer Rückkehr nach dem Krieg viele positive Ansätze gesehen. Frauen seien mutiger und viele Kleider farbiger geworden. Vor ihrer Wahl ins Parlament half sie als Leiterin des Projekts "Ärztinnen der Hoffnung" der in Köln ansässigen Hilfsorganisation medica mondiale vielen traumatisierten Landsleuten.

"Wir haben viele gute Gesetze, aber auch viele negative Traditionen", so Nur-Safi. So werde nach wie vor kaum etwas gegen Zwangsverheiratungen und Vergewaltigungen unternommen. Auf dem Land sei es Tradition, eine Tochter als Braut zur Versöhnung in eine verfeindete Familie zu geben. "Das ist ein Trauma für die Frau. Denn die Familie hasst sie." Zwangsverheiratungen - auch von Kindern - seien "ganz normal" und offiziell nicht zu beweisen. "Es gibt kaum Registrierungen von Geburten und Eheschließungen." Immer noch dürften viele Frauen und Mädchen nicht zum Arzt. Viele seien traumatisiert durch Krieg und Gewalt.

"Nach wie vor ist Afghanistan ein großes Gefängnis für Frauen", sagt Selmin Caliskan, die Referentin für Frauenrechte und Politik bei medica mondiale. Die Selbstverbrennungen von Hunderten von Frauen jährlich seien Ausdruck der Perspektivlosigkeit. Nach Schätzungen von Unicef können nur 14 Prozent der Frauen lesen und schreiben. Mehr als die Hälfte der Mädchen werde vor dem 18. Lebensjahr verheiratet.

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