Ärzte Zeitung, 08.03.2007

Kamera dokumentiert Alltag in Kliniken

Professor Peter Sefrin, Notfallmediziner am Uniklinikum Würzburg, lobt Serien aus Kliniken für ihre Authentizität

NEU-ISENBURG (ag). Der fünfjährige Matthew hat sich den Fuß bei einem Unfall verletzt. Seine Mutter sucht mit ihrem weinenden Jungen Hilfe in der Notaufnahme. Ein Ehepaar ist überglücklich - die stolzen Eltern dürfen heute ihr Frühchen mit nachhause nehmen. Eine Frau bringt Zwillinge zur Welt - auf natürlichem Weg, was bei Zwillingen bekanntermaßen selten ist: Das ist der Stoff, aus dem Krankenhaus-Soaps im Fernsehen gemacht sind.

Foto: Focus Gesundheit
"Hier ist nichts geschönt oder dramatisiert - so ist die Wirklichkeit."
Professor Peter Sefrin
Notfallmediziner am Universitätsklinikum Würzburg
 

Doch die beschriebenen Szenen stammen nicht aus fiktionalen Arztserien. Hier wird nicht mit Schminke, Lichteinstellung, Regie und Drehbuch gearbeitet. Diese Geschichten schreibt die Wirklichkeit: In der Reportage-Serie "Little Miracles - Kleine Wunder des Lebens" auf "Focus Gesundheit" bei Premiere erleben die Fernsehzuschauer den Alltag einer Kinderklinik in der kanadischen Metropole Toronto. Und in der Serie "Babystation" gewährt das ZDF Einblicke in die Entbindungsstation eines Hamburger Krankenhauses.

"Beruf des Arztes hat nach wie vor ein sehr hohes Ansehen"

Arztserien im Fernsehen waren und sind beim Zuschauer sehr beliebt. Professor Peter Sefrin, Notfallmediziner am Universitätsklinikum Würzburg, sieht ihren Erfolg vor allem darin, dass "der Beruf des Arztes nach wie vor ein sehr hohes Ansehen" hat.

Außerdem werde das Bedürfnis der Zuschauer nach einer "heilen Welt" gestillt, da die Sendungen meist ein Happy End haben. Und doch gehe es auch um Voyeurismus: Viele Zuschauer, so Sefrin, seien froh, mit dem dargestellten Leid nichts zu tun zu haben. "Das ist in besonderem Maße der Fall, wenn es sich um echte Patienten mit realen Verletzungen handelt."

Doku-Soaps aus Kliniken sind hierzulande noch selten

Aber was in den USA und Kanada schon lange Trend ist und für hohe Quoten sorgt, hat Deutschland noch nicht ganz erreicht: Fiktionale Krankenhausserien gibt es viele, Doku-Soaps aus Kliniken sind hierzulande noch die Seltenheit. Im deutschen Fernsehen gibt es - neben vereinzelten Reportagen - nur "Mein Baby" (RTL), "Babystation" (ZDF) sowie verschiedene Doku-Serien auf "Focus Gesundheit" (Premiere).

Sowohl bei "Little Miracles" als auch bei "Babystation" geht es um den Alltag in einer Klinik, in der Säuglinge und Kleinkinder im Mittelpunkt stehen. Trotz ihrer thematischen Nähe seien beide Serien aber sowohl inhaltlich als auch dramaturgisch sehr unterschiedlich, urteilt Experte Sefrin, der beide Serien miteinander verglichen hat.

Alltag in einem kanadischen Kinderkrankenhaus

"Little Miracles - Kleine Wunder des Lebens" beschreibt den Alltag eines kanadischen Kinderkrankenhauses. Täglich retten die Ärzte hier das Leben von kleinen Patienten - vom fünf Tage alten, lungenkranken Baby bis zum 17-jährigen Teenager, der bereits vor seiner fünften Herzoperation steht.

"Babystation" wirft einen Blick hinter die Kulissen der Entbindungsstation der Asklepios-Klinik in Hamburg-Altona. Unter der Leitung von Chefarzt Volker Ragosch kümmern sich 20 Ärzte sowie 46 Hebammen und fast ebenso viele Schwestern vor laufender Kamera um die Babys. In der neuen Staffel werden zudem die Familien und Babys aus der letzten Staffel zuhause besucht, um zu zeigen, wie es ihnen jetzt geht.

"Babystation" setzt auf ruhige Gespräche

Beide Serien seien medizinisch einwandfrei, so Sefrin. "Hier ist nichts geschönt oder dramatisiert - so ist die Wirklichkeit." In "Babystation" stünden die Gespräche und Vorbereitungen der Geburt im Vordergrund, führt Sefrin aus. Spontangeburten, die mehr Schnelligkeit in die Handlung bringen würden, werden kaum ins Bild gesetzt. "Kaiserschnitte mit Termin sind die Regel. Auch Operationen, in denen der Zuschauer mit Blut konfrontiert wird, sind sehr selten."

"Little Miracles" arbeitet mit schnellen Schnitten

Das sei in der Serie "Little Miracles" anders, wo Wunden, Blut und Operationen nicht ausgespart blieben. Hier werde deutlich, dass es bei der Arbeit in der Klinik häufig um Minuten oder sogar Sekunden geht, die über ein Leben entscheiden. Sefrin: "Die Serie arbeitet mit schnell geschnittenen Filmsequenzen. Verschiedene Handlungsstränge werden in schneller Folge verschachtelt. Eine atemlose Atmosphäre entsteht. Die wenigen Szenen des Innehaltens verstärken das Gefühl noch."

Allerdings könne man die in "Little Miracles" dargestellte Erstversorgung nicht mit der in deutschen Notaufnahmen vergleichen, stellt der Notfallmediziner klar. "Ein wesentlicher Unterschied ist, dass in Deutschland Patienten bereits durch Notärzte vorversorgt sind, Schmerz- und Beruhigungsmittel gewirkt haben und Schmerzensschreie in der Ambulanz nicht zu erwarten sind."

In "Babystation", so Sefrin, sorgten ein langsamer Szenenwechsel und viele Gesprächssituation für eine ruhige, gelassene Stimmung. "Beim Zuschauer entsteht das Gefühl, dass das Ärzteteam alles unter Kontrolle hat, als könne nichts Unvorhergesehenes geschehen."

Beide Krankenhaus-Serien kommen authentisch rüber

Beide Serien seien sehr authentisch, fasst Sefrin zusammen. Während "Little Miracles" die TV-Zuschauer über die Abläufe in Kliniken, die physischen und psychischen Belastungen der Ärzte und Pflegenden aufkläre, vermittele "Babystation" eine entspannte Sicht auf Schwangerschaft und Geburt und leiste Aufklärung für werdende Eltern.

Die vierte Staffel der Doku-Serie "Little Miracles - Kleine Wunder des Lebens" startet morgen um 18 Uhr in "Focus Gesundheit" auf Premiere (ältere Folgen werden täglich mehrfach wiederholt). "Babystation" läuft von Montag bis Freitag täglich um 14.15 Uhr im ZDF.

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